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Einführung in das Digitalisieren mit Wilcom Hatch
Wenn du schon einmal eine sauber gefüllte Tatami-Form am Bildschirm gesehen hast und dachtest: „Sie ist korrekt … aber irgendwie leblos“, dann ist diese Anleitung deine Brücke zu professioneller Textur. In der kommerziellen Maschinenstickerei wirken sehr flache Flächen schnell „billig“, während strukturierte, bewegte Flächen deutlich hochwertiger wahrgenommen werden.
In Wilcom Hatch ist der Florentine Effect ein sehr schneller Weg, um Bewegung und Tiefe zu erzeugen – ohne alles mühsam manuell zu digitalisieren. Gleichzeitig gilt (und das bestätigt die Praxis immer wieder): Was am Monitor spektakulär aussieht, kann beim Sticken bretthart werden, wenn du die Dichte nicht im Griff hast.
In dieser Masterclass verbinden wir Software-Workflow mit der Realität am Material. Du lernst:
- Grundformen sauber aufzubauen (und den typischen „offene Form“-Fehler zu vermeiden).
- Embossed Fills einzusetzen, um eine lichtreflektierende Textur zu erzeugen.
- Den Florentine Effect zu nutzen, um Stichwinkel dynamisch zu krümmen.
- Den „verschwindenden Effekt“ mit Reshape zu verstehen und zu beheben.
- Den Transfer von Software-Einstellungen zu stabilen, stickbaren Ergebnissen.

Step 1: Grundformen mit der Digitize Toolbox erstellen
Der Florentine Effect arbeitet wie ein mathematisches „Feld“, das über ein Basisobjekt gelegt wird. Wenn die Grundform nicht korrekt abgeschlossen ist, kann der Effekt unzuverlässig reagieren. Sue zeigt das bewusst an einem Kreis – als einfache Form, an der man Probleme sofort erkennt.
1) Digitize Toolbox öffnen
Gehe links in die Werkzeugleiste und klappe Digitize auf. Dort findest du die Formwerkzeuge.

2) Einen perfekten Kreis digitalisieren (das „Enter“-Protokoll)
Viele Einsteiger scheitern hier, weil sie Sticksoftware wie Vektorsoftware behandeln. In der Stickdigitalisierung musst du die Form „abschließen“, damit Hatch die Stiche wirklich berechnet.
- Wähle das Werkzeug Circle/Oval.
- Einmal klicken, um den Mittelpunkt zu setzen.
- Nach außen ziehen, um den Radius festzulegen. Sicht-Check: Du siehst dabei die Drahtgitter-/Wireframe-Vorschau.
- Maustaste loslassen.
- KRITISCH: Sofort Enter drücken.
Warum das wichtig ist: Erst mit Enter wird aus der Vorschau ein berechnetes Stickobjekt (Stichwinkel/Stichverteilung werden erzeugt). Optisch muss die Kontur unmittelbar in eine gefüllte Fläche wechseln.
Checkpoint: Bleibt es nur eine dünne Umrisslinie, wurde Enter nicht gedrückt. Löschen und wiederholen, bis du eine gefüllte Fläche siehst.
Erwartetes Ergebnis: Ein sauberer, mathematisch runder Kreis mit Standardfüllung.




3) Ein Oval digitalisieren (vom Zentrum aus kontrolliert)
Für ein gleichmäßiges Oval ohne „Freihand-Wackeln“:
- Klicke, um den Mittelpunkt zu setzen.
- Ziehe, um die erste Achse festzulegen, dann klicken zum Fixieren.
- Bewege die Maus rechtwinklig, um die zweite Achse (Höhe/Breite) zu definieren.
- Nochmals klicken, dann Enter.
Praxis-Hinweis: Testform statt komplexer Kontur
Sue demonstriert bewusst an einer einfachen Form. Das ist auch in der Praxis sinnvoll: Wenn ein Effekt auf einem Kreis nicht sauber läuft, wird er auf einer komplexen Form erst recht problematisch.
Step 2: Textur mit Embossed Fills aufbauen
Eine normale Tatami-Füllung ist funktional, aber optisch oft „flach“. Der nächste Schritt ist eine musterbasierte Textur – hier mit Embossed und dem Muster Donut.

Von Tatami auf Embossed umstellen
- Wähle den fertigen Kreis an.
- Öffne Object Properties (rechte Seite).
- Stelle den Fülltyp auf Embossed.
- Wähle das Muster Donut.
Checkpoint: Die Änderung passiert sofort: Aus einer glatten Fläche wird eine deutlich strukturierte Musterfüllung.
Erwartetes Ergebnis: Der Kreis wirkt wie ein strukturiertes Badge/Emblem.



Produktionsrealität: Wenn Textur die Datei „schwer“ macht
Embossed- und Musterfüllungen können die Datei deutlich „massiver“ wirken lassen, weil die Stichverteilung komplexer wird.
Praxis-Check: Wenn du später beim Sticken merkst, dass die Fläche sehr steif wird, ist das ein Signal, die Füllung/Parameter zu entschärfen (z. B. weniger aggressives Muster oder weniger starke Ausprägung).
Step 3: Florentine Effect aktivieren – Bewegung in die Fläche bringen
Hier passiert die eigentliche Transformation: Aus statischer Textur wird ein fließender Verlauf.
Florentine Effect einschalten
- In Object Properties auf den Tab Effects wechseln.
- Den Florentine Effect suchen (Wellen-Icon).
- Häkchen setzen.
Dadurch wird das Muster entlang einer gekrümmten Führung „gebogen“ – die Stichrichtung wirkt nicht mehr linear, sondern folgt einer Bewegung.
Checkpoint: Das Donut-Muster sollte sichtbar „mitgehen“ und nicht mehr in geraden Reihen stehen.
Erwartetes Ergebnis: Sofort eine deutlich plastischere, dynamische Optik.


Was sich in der Praxis ändert (warum Stabilität wichtiger wird)
Gebogene Verläufe erzeugen wechselnde Zugrichtungen im Material. Je nach Stoff kann das schneller zu Verzug führen als eine einfache, gerade Füllung. Deshalb lohnt es sich, die Grundlagen zu Einspannen für Stickmaschine sauber zu beherrschen, damit das Material während der Stickbewegung nicht wandert.
Step 4: Kurven gezielt formen – mit Reshape
Die Standardkrümmung passt nicht immer zu deinem Motiv. Sue zeigt, wie du die Führungslinie des Effekts manuell anpasst.
Mit Reshape die Kurve steuern
- Das Werkzeug Reshape auswählen (oben in der Symbolleiste).
- Die Guide Line/Führungslinie mit Knotenpunkten über dem Objekt finden.
- Knoten anklicken und ziehen, um die Kurve flacher oder steiler zu machen.
Checkpoint: Das Muster aktualisiert sich live. Wenn es kurz „hakt“, rechnet Hatch im Hintergrund die Stichkoordinaten neu.
Erwartetes Ergebnis: Du modellierst den Fluss der Textur passend zur Form.


Die Falle: „Der Effekt verschwindet“
Sue zeigt einen wichtigen Grenzfall:
- Symptom: Du ziehst die Kurve sehr steil – und plötzlich ist das Muster weg oder wirkt wieder flach.
- Wahrscheinliche Ursache: Die Kurve ist zu extrem. Das Muster lässt sich in dieser engen Krümmung nicht mehr sinnvoll berechnen.
Praxisbezug: Passung hängt nicht nur von der Datei ab
Wenn dir bei anspruchsvollen, gebogenen Flächen die Passung (Ausrichtung) zwischen Füllung und späteren Konturen schwerfällt, liegt das in der Praxis oft an minimaler Materialbewegung im Rahmen. Viele Anwender steigen dann auf einen Magnetrahmen um, weil das Material gleichmäßiger gehalten wird.
Warnhinweis: Sicherheit bei Magnetrahmen
Magnetrahmen arbeiten mit starken Neodym-Magneten.
* Quetschgefahr: Rahmen nicht unkontrolliert zuschnappen lassen.
* Medizinische Geräte: Abstand zu Herzschrittmachern einhalten.
* Elektronik/Datenträger: Nicht direkt an empfindliche Geräte/Medien legen.
Bonus: Florentine Effect mit Motif-Stichen kombinieren
Der Florentine Effect funktioniert nicht nur mit Embossed, sondern auch mit anderen musterbasierenden Füllungen. Sue wechselt dafür auf Motif.
Auf Motif umstellen und „Bowties“ wählen
- In Object Properties den Fülltyp auf Motif stellen.
- Muster Bowties auswählen.
- Der Florentine-Verlauf bleibt aktiv und biegt die Motive entlang der Kurve.
Checkpoint: Prüfe die Außenkante: Werden die Motive sauber abgeschnitten oder wirken sie „unsauber gekappt“?
Erwartetes Ergebnis: Eine dekorative Fläche, die wie bewusst platziert wirkt.


Nadelzuweisung & Mehrnadelstickmaschine (Frage aus der Praxis)
In den Kommentaren kam die Frage, ob man für Mehrnadelstickmaschinen Nadeln zuweisen kann. Die Antwort aus dem Video-Kontext: Farben/Farbwechsel werden in der Software angelegt – die konkrete Nadelzuordnung erfolgt (soweit bekannt) an der Maschine.
Wenn du bei komplexen Motif-Designs viele Farbwechsel hast, ist das in der Produktion ein echter Zeitfresser – und oft der Punkt, an dem Betriebe anfangen, nach Mehrnadel-Stickmaschinen kaufen zu suchen.
Primer (Produktionsrealität): Pre-Flight-Protokoll
Bevor du eine Datei mit Florentine-Effekten stickst, lohnt sich ein kurzer „Pre-Flight“. Software ist exakt – Material und Maschine sind es nicht.
Kleine Helfer, die du griffbereit haben solltest
- Frische Nadeln: Eine stumpfe oder beschädigte Nadel macht bei strukturierten Flächen schneller Probleme.
- Unterfaden-Check: Eine fast leere Unterfadenspule kann mitten in der Textur sichtbare Übergänge erzeugen.
- Fixierung: Temporärer Sprühkleber oder klebendes Vlies hilft, dass die Fläche nicht „aufbläht“.
- Pinzette: Für Sprungstiche/Fadenreste.
Wenn dir das exakte Platzieren schwerfällt, ist das weniger „Software“ als Mechanik. Eine Einspannstation für Stickmaschine hilft, Positionen reproduzierbar zu treffen.
Prep-Checkliste
- Nadelspitze prüfen und bei Zweifel wechseln.
- Greifer-/Spulenbereich von Fusseln befreien (Einfluss auf Spannung).
- Prüfen, ob das Motiv sicher in den Stickbereich passt.
- Daten-Check: Form wirklich mit Enter abgeschlossen? Datei gespeichert?
Setup (vom Bildschirm zur Stickerei): Stabilisierung & Einspannen
Gebogene Füllungen erzeugen Zug in wechselnden Richtungen. Dein Vlies- und Einspann-Setup entscheidet, ob es glatt bleibt oder sich verzieht.
Entscheidungslogik: Material → Vlies → Einspannen
- Gewebe/stabil (z. B. Denim, Twill, Canvas)
- Vlies: Mittleres Tear-away ist oft ausreichend.
- Dehnbar (z. B. T-Shirt, Polo, Performance Wear)
- Vlies: Cut-away ist in der Praxis deutlich zuverlässiger als Tear-away.
- Fixierung: Stoff auf Vlies fixieren (Sprühkleber/Haftvlies), damit die Mitte nicht wandert.
- Empfindlich oder voluminös (z. B. Samt, Jacke, Leder)
- Problem: Klassische Rahmen können Rahmenabdrücke hinterlassen.
- Option: Hier wird häufig ein Magnetrahmen genutzt, um Haltekraft ohne starken Druckring zu bekommen.
- Wiederholgenaue Platzierung/Serien (z. B. Left-Chest)
- Tooling: Mit Schablone arbeiten.
- Hilfe: Eine Einspannstation für Maschinenstickerei stabilisiert den Prozess.
Setup-Checkliste
- Stoff und Vlies sind verbunden (keine „Blase“ in der Mitte).
- Einspann-Test: Oberfläche gleichmäßig straff, ohne Überdehnung.
- Freigängigkeit: Rahmenarme stoßen nirgends an.
Operation (in Hatch): Ausführungsreihenfolge
Diese Reihenfolge entspricht dem gezeigten Workflow und minimiert typische Fehler.
Schritt-für-Schritt
Digitize>Circle/Ovalwählen.- Kreis ziehen und mit Enter abschließen.
Object Properties>Embossed>Donut.Effects>Florentine Effectaktivieren.Reshapewählen und die Führungslinie moderat anpassen.AchtungWird die Kurve zu steil und das Muster verschwindet, wieder zurückziehen.- Optional: Objekt duplizieren > Fülltyp
Motif>Bowties.
Operation-Checkliste
- Vorschau/Simulation laufen lassen und auf „unruhige“ Bewegungen achten.
- Farbwechsel-Logik prüfen (Stopps/Wechsel passend zur Maschine).
- Reshape so einstellen, dass nichts außerhalb des vorgesehenen Bereichs landet.
Qualitätschecks (schnell, praxisnah)
Sicht- und Griffprüfung
- Flex-Test: Fläche zusammendrücken. Wirkt sie wie Karton, ist die Textur zu „hart“.
- Kanten-Check: Entstehen Lücken zur Kontur (späterer Satinrand)? Dann stimmt Passung/Stabilität nicht.
- Kurven-Check: In den gebogenen Bereichen auf Schlaufen achten (Spannung/Schnelligkeit).
Hinweis zu Rahmenabdrücken
Wenn Rahmenabdrücke bei der Endkontrolle stören, ist das häufig ein Argument, sich mit Stickrahmen für Stickmaschine und insbesondere magnetischen Varianten zu beschäftigen.
Troubleshooting (Symptom → Diagnose → Lösung)
| Symptom | Likely Cause | Quick Fix | Prevention |
|---|---|---|---|
| Form ist nur ein Umriss | Enter nicht gedrückt (Objekt nicht abgeschlossen). | Form löschen und korrekt neu anlegen, dann Enter. | Routine: „Ziehen, loslassen, Enter“. |
| Textur verschwindet | Reshape-Kurve zu steil. | Kurve abflachen, bis das Muster wieder rendert. | Sanfte Wellen statt harter Knicke. |
| Stoff verzieht sich/kräuselt | Material wandert unter wechselnder Zugrichtung. | Besser fixieren (Sprühkleber/Haftvlies) und passendes Vlies wählen. | Workflow verbessern, z. B. mit Magnetrahmen Anleitung. |
| Faden reißt | Nadel/Spannung nicht passend für strukturierte Fläche. | Nadel wechseln, ggf. langsamer sticken. | Bei neuen Effekten erst Teststick machen. |
| Fadenknäuel unten | Oberfaden nicht korrekt eingefädelt/Spannung. | Neu einfädeln (Nähfuß oben) und Unterfadenbereich reinigen. | Regelmäßige Reinigung, Fadenweg kontrollieren. |
Ergebnis
Mit Digitize Toolbox, Embossed Fills und dem Florentine Effect kannst du aus einfachen Grundformen in kurzer Zeit hochwertige, bewegte Texturen erzeugen.
Du hast jetzt:
- Die Technik: Einen reproduzierbaren Workflow (Kreis/Oval → Embossed → Florentine → Reshape).
- Das Sicherheitsnetz: Verständnis dafür, wann der Effekt rechnerisch „kippt“ (zu steile Kurve).
- Den Praxisbezug: Klarheit, warum Stabilisierung und sauberes Einspannen das Ergebnis massiv beeinflussen.
Digitalisieren ist nur die halbe Miete – die andere Hälfte ist das saubere „Engineering“ des Stickprozesses. Wenn dich Schraubrahmen, ungenaue Platzierung oder unnötige Stopps ausbremsen, lohnt sich der Blick auf die Hardware und den Workflow rundherum.
