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Einführung in die Wilcom-e4.5-Oberfläche
Wenn du schon einmal eine „Bitte schnell noch“-Nachricht bekommen hast wie: „Logo ist super – ich brauche aber nur die Kontur, und zwar heute bis 17 Uhr“, dann ist dieser Mini-Workflow in Wilcom EmbroideryStudio e4.5 dein Sicherheitsnetz. Damit lieferst du Varianten, ohne das Artwork neu zu zeichnen.
Wichtig: Der Wechsel von einer gefüllten Fläche zur Kontur (oder umgekehrt) ist nicht nur ein Software-Klick. Du änderst damit, wie der Stichaufbau den Stoff belastet. Eine Kontur „zieht“ anders als eine Fläche. In diesem Guide gehen wir die digitalen Schritte durch – und verknüpfen sie mit den praktischen Checks, damit die Datei später auf der Maschine sauber läuft.
In diesem Tutorial lernst du:
- Elemente isolieren: Ein einzelnes Farbobjekt aus einem komplexen Design sauber herauslösen.
- Stichart umstellen: Eine Füllfläche in eine Satin-Kontur umwandeln.
- Struktur steuern: Konturbreite kontrollieren (demonstriert mit 3 mm vs. 1 mm).
- Rückwärts arbeiten: Eine Kontur wieder in eine stabile Tatami-Füllung umwandeln.
- Für die Produktion exportieren: Maschinen-Dateien erzeugen (DST/JEF).


Für wen das gedacht ist (und was es dir bringt)
Dieser Guide schließt die Lücke zwischen „Buttons klicken“ und „produktionssicher digitalisieren“. Er richtet sich an:
- Einsteiger:innen im Digitalisieren: die eine wiederholbare Methode für „Füllung ↔ Kontur“-Anfragen brauchen.
- Shop-/Studio-Betreiber:innen: die schnell Design-Typen wechseln müssen (z. B. Brustlogo → patchartige Kontur).
Praxis-Hinweis: Das Umwandeln in Wilcom geht sofort – aber die Stickqualität hängt stark von der Stabilität ab. Eine 3-mm-Satin-Kontur bedeutet hohe Stichlast auf engem Raum. Ob das auf Caps, Taschen oder elastischer Sportswear sauber wird, entscheidet oft eher Einspannen + Stickvlies als die Software-Einstellung.
Schritt 1: Eine Füllfläche in eine Satin-Kontur umwandeln
Dieser Abschnitt folgt der Reihenfolge aus dem Video: gezielt auswählen, isolieren, umwandeln.

1) Genau das Element isolieren, das du brauchst (nur einen Farbblock kopieren)
Im Beispiel starten wir mit einem zusammengesetzten Design. Ziel ist es, die Silhouette („Swami“) herauszulösen, um eine reine Kontur-Version zu erstellen.
Arbeitsschritte:
- Analysieren: In Objektliste/Farbpalette den schwarzen Farbblock identifizieren, der die Silhouette bildet.
- Auswählen: Auf diesen Farbblock klicken.
- Gruppenauswahl: Ctrl+A drücken, damit alle Objekte innerhalb dieser Farbgruppe aktiv sind.
- Kopieren: Ctrl+C.
- In neues Design übertragen: Einen New Design-Tab öffnen.
- Einfügen: Ctrl+V.
Checkpoint: Auf der neuen Arbeitsfläche darf nur die isolierte Silhouette liegen – keine Restobjekte, keine versteckten Stiche.

2) Füllobjekt per Satin in eine Kontur umwandeln
Jetzt ändern wir die „Identität“ des Objekts von „Fill“ zu „Outline“.
- Silhouette ausgewählt lassen.
- Die Outline Tools-Leiste suchen (im Video unten in der Werkzeugleiste).
- Satin anklicken.
Schnellprüfung:
- Visuell: Die gefüllte Fläche verschwindet und wird durch eine deutlich sichtbare Kontur ersetzt.
- Form-Check: Wirkt die Kontur geschlossen und sauber? Wenn irgendwo „offen“/unterbrochen, erst die Form bereinigen, bevor du mit Breite/Export weitermachst.

Profi-Denke: Konturbreite nach Einsatz und Material wählen
Im Video wird eine 3-mm-Kontur gezeigt. In der Stickpraxis ist 3 mm sehr kräftig – eher „patchartig“.
- 1,5–2,0 mm: Standard-Optik für viele Textilien.
- 3,0 mm+: Sehr markant, eher für robuste Ware.
Risiko: Breitere Satinspalten bedeuten höhere Stichlast und mehr Zug auf den Stoff. Wenn du dich für 3 mm entscheidest, plane die Stabilisierung entsprechend ein und teste unbedingt.
Schritt 2: Konturbreite und Eigenschaften einstellen
Standardwerte sind selten produktionssicher. Die Breite wird bewusst gesetzt.

3) Satin-Konturbreite auf 3 mm setzen (wie im Video)
- Konturobjekt ausgewählt lassen.
- Rechts das Panel Object Properties öffnen.
- Im Bereich Special/Satin das Feld Width suchen.
- 3 mm eingeben und bestätigen.
Erwartetes Ergebnis: Die Kontur wird am Bildschirm sichtbar dicker.
Achtung: „Mehr Breite“ = mehr Stichlast
Mehr Breite ist nicht nur „dickerer Strich“, sondern verändert die Spannung im Aufbau.
- Zugwirkung: Satin zieht von beiden Seiten zur Mitte.
- Praxis-Check: Wenn du nach der Umwandlung eine deutlich „aggressive“ Kontur siehst, plane einen Probestick ein, bevor du Serienware startest.
Schritt 3: Eine Kontur in eine Tatami-Füllung umwandeln
Das Video zeigt auch den Rückweg: aus einer hohlen Kontur wieder eine gefüllte, stabile Form machen.

4) Kontur auswählen und Tatami-Füllung anwenden
- Konturobjekt auswählen.
- Zur Fill Shape-Funktion wechseln.
- Tatami auswählen.
Erwartetes Ergebnis: Die Innenfläche füllt sich mit einer typischen Tatami-Struktur.


Warum Tatami bei vielen Logos die Standard-Füllung ist
Tatami ist in der kommerziellen Stickerei der robuste „Allrounder“ für Flächen.
- Prinzip: Tatami besteht aus Reihen von Laufstichen in einem Muster – die Fläche wird regelmäßig am Stoff „verankert“.
- Nutzen: Die Fläche wirkt stabiler und kontrollierbarer als eine reine Satin-Fläche bei größeren Bereichen.
Exportieren: Design als DST-Datei ausgeben
Die Maschine kann die native Wilcom-Datei (.EMB) nicht direkt lesen – du brauchst einen Maschinenexport.

5) Als Maschinen-Datei exportieren (DST gezeigt; JEF ebenfalls erwähnt)
- File > Export Machine File wählen.
- Zielordner auswählen (USB-Stick/Netzwerkordner).
- .DST oder .JEF auswählen (je nach Maschinenumgebung).
- Speichern.

Praxis-Tipp: Exportformat an die Produktionsrealität anpassen
Dateiverwaltung ist unspektakulär – aber entscheidend. Wenn du auf einer tajima Stickmaschine oder ähnlicher Industrieausrüstung arbeitest, enthält eine DST-Datei im Kern Bewegungen (X/Y) und Stopps; Farbinformationen sind in der Anzeige oft nicht zuverlässig.
Best Practice: Drucke dir aus Wilcom ein Produktionsblatt (z. B. als PDF) mit Farbfolge/Stopps und arbeite danach – nicht nach „Zufallsfarben“ am Maschinendisplay.
Warum Digitizing-Kompetenz in der Stickerei zählt
Software ist der Bauplan – Stickerei ist die Ausführung. Ein perfekter Bauplan scheitert, wenn die Basis (Einspannen) nicht stabil ist.
Entscheidungslogik: Einspannen + Stickvlies nach Stoffverhalten wählen
Nutze diese Logik, bevor du auf Start drückst:
START: Welcher Stoff ist es?
- Stabil / Gewebt (Denim, Twill, Canvas)?
- Stickvlies: Tearaway (2 Lagen) ist oft ausreichend.
- Stickrahmen: Standardrahmen funktioniert. Gleichmäßig straff einspannen.
- Dehnbar / Maschenware (Polo, T-Shirt, Hoodie)?
- Stickvlies: Cutaway ist Pflicht.
- Stickrahmen: Nicht überdehnen – nur so straff, dass keine Falten bleiben.
NÄCHSTER Schritt: Wie ist dein Volumen?
- Hobby / Einzelstück?
- Vorgehen: Wenn das Material empfindlich ist, kann „Floating“ mit temporärem Sprühkleber helfen.
- Serie (10+ Teile)?
- Vorgehen: Klassische Rahmen kosten Zeit und können Rahmenspuren verursachen – das ist oft der Punkt, an dem man über Prozess-Tools nachdenkt.
In Serien – besonders bei schwierigen Teilen – ist manuelles Einspannen häufig der Engpass. Hier setzen Profis auf Magnetrahmen für Stickmaschine: Der Stoff wird über Magnetkraft gehalten, was Rahmenspuren reduzieren kann und das Wiedereinspannen beschleunigt.
Warnung: MAGNET-SICHERHEIT. Industrielle Magnetrahmen sind sehr stark. Quetschgefahr für Finger und Risiko für Personen mit Herzschrittmacher. Mit beiden Händen kontrolliert handhaben, Abstand zu Karten/Datenträgern halten und Magnete seitlich „abschieben“ statt direkt auseinanderzureißen.
Tool-Upgrade-Pfad (wann es sich lohnt)
Stickerei ist teuer – aber mit Effizienz profitabel. Eine einfache Upgrade-Logik:
- Trigger (Schmerzpunkt): Ausschuss wegen Rahmenspuren oder zu viel Zeitverlust beim Einspannen.
- Optionen:
- Level 1 (Technik): Floating mit Sprühkleber (günstig, aber „klebrig“ im Handling).
- Level 2 (Tool): Magnetrahmen – kann bei Einzelkopf wie auch Mehrkopf/Mehrnadelstickmaschine den Ablauf deutlich entspannen.
- Level 3 (Skalierung): Wenn du Aufträge ablehnen musst, weil die Kapazität fehlt, ist eine Mehrnadelstickmaschine der nächste Schritt.
Primer
Kurz-Zusammenfassung der Software-Technik:
- Füllung → Kontur: Objekt wählen > Outline Tools > Satin > Width setzen (z. B. 3 mm).
- Kontur → Füllung: Objekt wählen > Fill Shape > Tatami.
Prep
Verlass dich nicht auf die Maschine – verlass dich auf deine Vorbereitung.
Versteckte Verbrauchsmaterialien & Prep-Checks (typische „Mystery“-Fehlerquellen)
Bevor du eine kräftige Satin-Kontur startest, prüfe die Basics, die gern übersehen werden.
- Topping (wasserlöslich): Bei Frottee/Fleece nötig, damit Satin nicht im Flor versinkt.
- Nadelzustand: Für saubere Konturen muss die Nadel scharf sein.
- Unterfaden: Ist genug Unterfaden auf der Spule? Satin-Konturen verbrauchen spürbar.
- Rahmengröße: Passt das Motiv sicher innerhalb des Stickrahmens? Viele suchen gezielt nach Stickrahmen für Stickmaschine, um für bestimmte Jobs (z. B. kleine Patches) effizienter zu arbeiten.
Warnung: NADEL-SICHERHEIT. Bei dichten Satin-Konturen kann eine stumpfe Nadel abgelenkt werden und brechen. Beim Teststick Schutzbrille tragen und Hände vom Nadelbereich fernhalten.
Prep-Checkliste (vor dem ersten Stich)
- Design-Check: In Wilcom stark hineinzoomen. Wirkt die Kontur gleichmäßig? Gibt es auffällige Engstellen?
- Nadel-Check: Wenn du Widerstand/Burrs spürst: wechseln.
- Fadenweg: Oberfaden sauber durch alle Führungen und Spannungsscheiben.
- Spulenkapsel reinigen: Fussel entfernen – schon wenig Flusen können die Spannung beeinflussen.
- Stickvlies passend gewählt: Cutaway bei dehnbar, Tearaway bei stabil.
Setup
Software ist erledigt – jetzt kommt die Praxis.
Setup für reproduzierbares Einspannen (gerade bei Konturen)
Konturen sind gnadenlos: Bei einer Fläche fällt 1° Schräglage kaum auf, bei Rahmen/Boxen sieht man es sofort.
Viele Profis nutzen eine Einspannstation für Stickmaschinen, um das Motiv immer an derselben Stelle zu platzieren. Wenn du keine Station hast, markiere mit wasserlöslichem Stift und nutze die Trace-Funktion der Maschine.
Für Volumen ist ein System wie eine hoop master Einspannstation in der Praxis verbreitet, um schiefe Platzierungen zu reduzieren.
Setup-Checkliste (vor dem ersten Stich)
- Datei laden & Ausrichtung prüfen: Ist das Motiv korrekt gedreht?
- Trace/Baste: Kontur abfahren lassen – kollidiert etwas mit dem Rahmen?
- Einspannspannung: Stoff soll gleichmäßig straff sein, ohne Verzug.
- Freiraum: Ärmel/Rücken nicht unter den Rahmen geraten lassen.
Operation
Jetzt läuft der Probestick.
Schritt-für-Schritt mit Checkpoints und erwarteten Ergebnissen
- Startphase: Maschine anlaufen lassen.
- Hör-Check: Gleichmäßiger Lauf ist gut; ungewöhnliche Geräusche = sofort stoppen.
- Satin-Kontur (3-mm-Test):
- Beobachtung: Sind die Kanten sauber oder „ausgefranst“?
- Wenn unsauber: Einspannen/Stabilisierung prüfen.
- Tatami-Fläche:
- Beobachtung: Gibt es Spalten zwischen Kontur und Füllung?
- Wenn Spalt sichtbar: In Wilcom Pull Compensation prüfen/anpassen.


Betriebs-Checkliste (während des Stickens)
- Geschwindigkeit: Für Tests eher moderat starten und erst bei stabilem Lauf erhöhen.
- Unterfadenbild: Rückseite prüfen – Spannung muss ausgewogen sein.
- Stoffbewegung: Wenn der Stoff „flaggt“ (hochklappt), neu einspannen.
Qualitätskontrolle
Nicht einfach ausliefern – prüfen.
So sieht „gut“ bei diesen Umwandlungen aus
- 3-mm-Kontur: Gleichmäßige, geschlossene Kante ohne Schlaufen; keine sichtbaren Wellen.
- Tatami-Füllung: Gleichmäßig, ohne große Lücken; nicht unnötig steif.

Troubleshooting
Stickerei ist Variablenmanagement. Wenn etwas schiefgeht: erst Setup (Zeit), dann Verbrauchsmaterial ($), dann Software (Know-how).
Diagnose-Tabelle
| Symptom | Likely Cause | Quick Fix (Low Cost) | Prevention (High Cost/Upgrade) |
|---|---|---|---|
| Outline is wavy/shaky | Fabric slipping in hoop. | Tighten hoop screw; use adhesive spray; add stabilizer layer. | Upgrade to Magnetrahmen for slip-free grip. |
| Thread Breaks on Satin | Density too high or speed too fast. | Slow down to 500 SPM. Change needle to a larger size (e.g., #14/90). | Edit file in Wilcom: Reduce density or Width. |
| Hoop Burn (Shiny Ring) | Mechanical friction from plastic hoop. | Steam the ring out (doesn't always work). Float fabric instead of hooping. | Switch to Magnetic Hoops (they don't burn fabric). |
| Gap between Outline & Fill | "Pull" effect of thread contracting. | Software Fix: Increase "Pull Compensation" setting in Wilcom. | Ensure fabric is hooped "Drum Tight." |
| Hoop Pops Open mid-stitch | Too thick (jacket/seam). | Loosen screw before hooping. | Use Clamps or Magnetic Frames designed for thick goods. |
Results
Du hast jetzt den kompletten Lebenszyklus einer Design-Variante sauber durchlaufen:
- Software: Objekt isoliert und in Wilcom e4.5 zwischen Füllung ↔ Kontur umgewandelt.
- Einstellung: Breite (3 mm bzw. 1 mm) bewusst gesetzt und die Optik kontrolliert.
- Prozess: Als DST/JEF exportiert und für die Maschine vorbereitet.
Wenn du dieses Protokoll befolgst, hörst du auf zu raten und fängst an, reproduzierbar zu produzieren. Mit wachsender Routine wird der Engpass selten die Software sein – sondern wie schnell und konstant du einspannen und abarbeiten kannst. Wenn dieser Punkt kommt, sind professionelle Einspannen für Stickmaschine-Workflows (Stationen) und Mehrnadel-Setups der logische nächste Schritt.
