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Unterschied zwischen Complex Fill und Complex Turning
In Wilcom EmbroideryStudio sind Complex Fill und Complex Fill mit Rotation (Turning) eng verwandt – in der Praxis lösen sie aber zwei unterschiedliche Anforderungen, die du spätestens beim Probestick merkst: Wie wirkt die Fläche im Licht, und wie verhält sich der Stoff unter Zug (Push/Pull)?
- Complex Fill (statisch) nutzt du, wenn das Objekt wie eine ruhige, gleichmäßige Fläche wirken soll (z. B. Hintergrundflächen, „Boden“-Flächen, ruhige Tatami-Felder). Der Füllstich läuft im Wesentlichen in einem Winkel.
- Complex Fill mit Rotation (fließend/Turning) nutzt du, wenn die Fläche Bewegung und Verlauf braucht – z. B. Blütenblätter, organische Formen, Wasser-/Wolkenformen oder überall dort, wo der Stichwinkel mit der Geometrie mitdrehen soll.
Im Video werden diese Werkzeuge als Standardlösung für unregelmäßige, organische oder polygonale Formen gezeigt – also alles, was nicht einfach „Rechteck und fertig“ ist (Pfützen, Wolken, freie Konturen).

„Sicht-Check“ zur Werkzeugwahl: Schau dir die Form an, bevor du klickst.
- Optik: Soll es wie ein flaches, ruhiges Tatami-Feld wirken (z. B. Teppich-Optik)? → Complex Fill.
- Optik: Sollen die Stiche die Kurven „umarmen“ und dem Verlauf folgen (wie ein Band um eine Form)? → Rotation/Turning.
Profi-Denke: Die Software rechnet die Geometrie – aber die Stickqualität entscheidet die Physik. Stoff wird beim Sticken gezogen und gedrückt. Turning verteilt diese Kräfte über mehrere Winkel, während ein einzelner Winkel die Verformung stärker in eine Richtung bündeln kann.
Kontur digitalisieren: Gerade vs. gebogene Punkte
Schritt 1 — Werkzeug, Fülltyp und Farbe wählen
- Klicke links in der Werkzeugleiste auf Complex Filling.
- Wähle oben den Fülltyp (im Video: Tatami, für eine dichte, flächige Abdeckung).
- Wähle unten in der Farbpalette eine gut sichtbare Farbe, damit du Kontur und Füllung klar beurteilen kannst.

Checkpoint (optisch): Der Cursor wird zum präzisen Fadenkreuz auf dem Raster – du bist im Digitalisiermodus.
Schritt 2 — Kontur aufbauen: Linksklick vs. Rechtsklick
Das ist die wichtigste „Muskelgedächtnis“-Fähigkeit in Wilcom. Merksatz: „Links = Linie, Rechts = Rundung.“
- Linksklick setzt Punkte für gerade Segmente (Ecken, harte Richtungswechsel).
- Rechtsklick setzt Punkte für gebogene Segmente (Bögen, organische Übergänge).
- Durch das Abwechseln beider Klickarten kannst du sehr komplexe Umrisse sauber nachzeichnen.


Praxis-Hinweis: Wenn du merkst, dass du extrem viele Punkte setzt, ist das oft ein Zeichen für „zu kleinteilig“. Gerade bei Kurven reicht es meist, weniger Punkte zu setzen und Wilcom die Kurve berechnen zu lassen – zu viele Knoten machen Konturen unruhig und erschweren späteres Reshape.
Checkpoint (optisch): Du siehst eine Drahtgitter-/Wireframe-Kontur, die die gesetzten Knoten verbindet.
Schnellkorrektur für den häufigsten Fehler
Wenn ein Punkt falsch sitzt:
- Nicht neu anfangen.
- BackSpace drücken – dadurch wird nur der letzte gesetzte Punkt gelöscht.

Warnung: Ergonomie bei der Digitalisierung. Du setzt sehr viele Mikro-Bewegungen. Lege die freie Hand so ab, dass du
EscundBackSpaceschnell erreichst. Verkrampftes „Maus-Krallen“ rächt sich in langen Sessions.
Praxis-Tipp (aus dem Workflow): Für kritische Kurvenpunkte lohnt es sich, deutlich hinein zu zoomen, bevor du die Punkte setzt. Eine Kurve, die bei normaler Ansicht „glatt“ wirkt, kann in der Stickrealität schnell kantig werden.
Objekt abschließen: Auto-Connect vs. manuelle Kontrolle
Wilcom arbeitet beim Erstellen solcher Objekte mit einer Enter-Sequenz: Jede Bestätigung führt dich in den nächsten Schritt (schließen, Löcher, Start/Ende, Winkel).
Option A — Automatischer Abschluss (schnell)
Nachdem du die Außenkontur fertig gesetzt hast:
- Nicht versuchen, den letzten Punkt manuell auf den ersten zu „klicken“, um zu schließen.
- Enter dreimal drücken.
Was Wilcom dabei automatisch festlegt:
- Schließen der Form
- Generieren der Stiche
- Standard-Stichwinkel sowie Ein-/Ausstich (Entry/Exit)

Checkpoint (optisch): Die Fläche wird sofort mit Stichen gefüllt.
Option B — Manueller Abschluss (mehr Kontrolle)
Wenn du nicht „durch-enterst“:
- Enter einmal drücken (Form wird geschlossen).
- Unten links auf die Hinweise achten: Wilcom fordert dich z. B. auf, ein Loch zu digitalisieren.
- Du kannst so Löcher anlegen und anschließend den Stichwinkel gezielt definieren.
Praxis-Nutzen: Wenn du wiederholbar für Produktion digitalisierst, ist die manuelle Kontrolle hilfreich – vor allem, wenn du Ein-/Ausstich so legen willst, dass Sprungstiche kurz bleiben oder Schnitte an unauffälligen Stellen sitzen.
Hinweis zu Start/Ende (Nearest Connection)
Im Video wird die Option „Nearest Connection“ erwähnt.
- Ein (Standard): Wilcom setzt Start/Ende so, dass die Verbindung zum nächsten Objekt möglichst kurz ist.
- Aus: Du definierst Start- und Endpunkt selbst bereits beim Erstellen.

Troubleshooting-Hinweis: Wenn Wilcom sich „nicht an deinen Startpunkt hält“, prüfe, ob „Nearest Connection“ deine Vorgaben übersteuert.
Löcher erstellen und Stichwinkel definieren
Loch direkt während der Objekterstellung anlegen
Beispiel: Donut-Form (Außenfläche mit Innenausschnitt).
- Enter einmal (Außenkontur wird geschlossen).
- Digitalisiere die Innenform (das Loch) innerhalb der Außenkontur.
- Enter (Loch bestätigen).
- Enter erneut (keine weiteren Löcher).
- Klicke Punkt A, dann Punkt B, um die Richtungslinie für den Stichwinkel festzulegen.


Checkpoint (optisch): Eine Linie liegt über der Form – sie zeigt die Richtung, in der die Tatami-Stiche laufen.
Im Bearbeitungsmodus sparst du die meiste Zeit
Die Kernaussage aus dem Video: Schnell anlegen, dann sauber nachbearbeiten. Im Reshape-/Bearbeitungsmodus kannst du Konturenpunkte nachträglich verschieben/ergänzen und auch Winkel sowie Ein-/Ausstichpunkte korrigieren.
Praxisbezug (Push/Pull): Der Stichwinkel beeinflusst, wie der Stoff reagiert:
- In Stichrichtung wird Material tendenziell „zusammengezogen“.
- Quer zur Stichrichtung kann sich die Fläche „aufdrücken“.
Sticklücken vermeiden: Overlap richtig einsetzen
Komplexe Formen neigen zu Gegenfüllungen/Segmentübergängen – genau dort entstehen beim Sticken oft sichtbare Lücken, obwohl am Bildschirm alles geschlossen aussieht.

Der wichtigste Hebel: Overlap
Die Empfehlung aus dem Video ist klar:
- Wenn an Segmentstößen Lücken entstehen, erhöhe Overlap in den Objekteigenschaften.
- Häufig praxisnah: 3–5 Reihen (Standard ist 1 Reihe).


Checkpoint: Am Bildschirm dürfen sich die Bereiche sichtbar „überlappen“ – das ist gewollt, damit es im realen Sticklauf geschlossen wirkt.
Warum Overlap funktioniert (Praxislogik)
Der Bildschirm ist „perfekt“ – der Stoff nicht. Beim Sticken arbeitet die Nadel schnell, der Stoff bewegt sich, und Segmentkanten können auseinanderlaufen. Overlap lässt Stiche bewusst über die Segmentgrenze hinaus laufen, damit die Fläche trotz Stoffbewegung geschlossen bleibt.
Erweiterte Parameter aus dem Video
- Typical Angle (15°): eine Art Fallback-Winkel, wenn Wilcom deine vorgegebenen Winkel nicht sauber umsetzen kann.

- Run Allowance (z. B. 0.17 mm): Abstand, damit Laufstiche/Verbindungswege nicht zu nah an der Kontur liegen und später „rausblitzen“.

Entscheidungslogik: Wenn Software nicht reicht
Wenn du Overlap erhöhst und trotzdem deutliche Lücken siehst, liegt die Ursache oft nicht nur in der Datei, sondern im Zusammenspiel aus Material und Einspannen.
Hardware-Ansatz (aus der Praxis): Wenn du bei rutschigen oder dicken Artikeln ständig gegen Verzug arbeitest, wechseln viele Profis auf Magnetrahmen für Stickmaschine. Magnetische Rahmen halten flächig, ohne den Stoff so stark zu verziehen wie klassische Klemmrahmen – dadurch greifen Overlap & Winkelkorrekturen oft zuverlässiger.
Warnung: Magnet-Sicherheit. Starke Magnetrahmen sind Werkzeuge mit hoher Klemmkraft. Finger nicht zwischen die Magnete bringen. Abstand zu Herzschrittmachern einhalten (im Video wird 6-inch genannt) und Karten/Telefone fernhalten.
Vorbereitung
Ergebnisqualität ist zu einem großen Teil Vorbereitung.
Verbrauchsmaterial & Vorab-Checks
- Nadelzustand: Eine beschädigte/abgenutzte Nadel kann Gewebe beschädigen – das sieht dann wie „Digitizing-Fehler“ aus.
- Passendes Stickvlies: Je nach Material muss die Stabilisierung stimmen, sonst helfen digitale Korrekturen nur begrenzt.
- Rahmenplan: Für Tests ist es hilfreich, mehrere Stickrahmen für Stickmaschine zur Hand zu haben. Ein zu großer Rahmen lässt mehr Material vibrieren (Flagging) und verschlechtert die Passgenauigkeit. Grundregel: so klein wie möglich, so groß wie nötig.
Prep-Checkliste
- Software: Complex Fill (statisch) oder Turning (fließend) passend zur Optik gewählt?
- Hardware: Rahmen passend dimensioniert?
- Arbeitsplatz: Enter-Sequenzen im Kopf, gute Sicht auf Konturen?
- Sauberkeit: Hände/Material sauber (Öl/Schmutz beeinflusst Stoff und Handling).
Setup
Workflow-Setup (schnell + kontrolliert)
Ein bewährter Ablauf für Fortgeschrittene:
- Schnell anlegen: Auto-Abschluss (Enter x3), um Formen zügig zu erstellen.
- Gezielt nachbearbeiten: Winkel, Ein-/Ausstich, Kontur im Edit-Modus optimieren.
- Probestick: Bildschirm nie als alleinige Wahrheit nehmen.
Für kommerzielle Abläufe zählt Wiederholbarkeit. Eine Einspannstation für Maschinenstickerei hilft, Artikel konstant einzuspannen – schwankende Einspannspannung sorgt dafür, dass identische Overlap-Werte auf Teil A funktionieren und auf Teil B versagen.
Setup-Checkliste
- Eingabe: Linksklick = gerade, Rechtsklick = Kurve verifiziert.
- Parameter: Overlap als Startwert gesetzt (z. B. 3 Reihen).
- Ansicht: Dichte/Fläche in Normalansicht prüfen, Konturpunkte bei Bedarf stark vergrößert kontrollieren.
- Sicherung: Datei-Version speichern, bevor du Parameter stark veränderst.
Ausführung
Schritt-für-Schritt: Complex Fill (statisch)
- Complex Fill wählen.
- Tatami wählen.
- Form nachzeichnen (Links/Rechts-Klicks).
- Fehler? BackSpace.
- Aktion: Enter 3×.
Erwartetes Ergebnis: Eine ruhige, gleichmäßige Fläche – ideal für Hintergründe.
Schritt-für-Schritt: Complex Fill mit Rotation (fließend)
- Complex Fill mit Rotation wählen.
- Form nachzeichnen.
- Aktion: Enter (Objekt schließen).
- Den Hinweisen folgen und Verlaufslinien/Vektoren für die Winkel definieren.
- Enter zum Abschließen.
Erwartetes Ergebnis: Eine Fläche, deren Stiche dem Verlauf folgen – ideal für organische Formen.
Zwischen beiden Werkzeugen konvertieren
- Complex-Fill-Objekt wählen → Rotation-Tool klicken → Enter 2×.
- Rotation-Objekt wählen → Complex-Tool klicken → Enter 1×.
Ausführungs-Checkliste
- Rhythmus: Saubere Klicks ohne Doppelklick-Knoten.
- Ablauf: Digitalisieren → Editieren → Testen.
- Kontrolle: „Stitch Player“ (Shift+R) nutzen, um den Ablauf virtuell zu prüfen.
- Dokumentation: Notieren, welche Overlap-Werte bei welchem Material funktionieren.
Troubleshooting
Wenn das Ergebnis nicht passt: Physisch → Mechanisch → Digital.
| Symptom | Wahrscheinliche Ursache | Lösungs-/Check-Strategie |
|---|---|---|
| Lücken an Segmentübergängen (Stoff scheint durch) | Stoffbewegung durch Push/Pull und Segmentierung. | 1. Digital: Overlap erhöhen (z. B. bis 5 Reihen).<br>2. Physisch: Einspannspannung prüfen: straff, aber nicht verzogen. |
| Rahmenabdrücke („Rahmenspuren“) auf dem Stoff | Zu fest eingespannt / ungeeigneter Rahmen. | 1. Physisch: Dämpfen/auslüften lassen.<br>2. Tool-Upgrade: Auf Magnetrahmen für Stickmaschine wechseln, um Abdrücke bei empfindlichen Materialien zu reduzieren. |
| Nadelbruch bei dichten Flächen | Zu viele/zu eng gesetzte Knoten oder zu hohe Belastung. | 1. Digital: Stark vergrößern und Knoten-Cluster ausdünnen.<br>2. Digital: Dichte prüfen und ggf. reduzieren. |
| Füllung wirkt „spitz“ oder unlogisch | Ungünstige Knotenplatzierung / Kontur kreuzt sich. | 1. Digital: Reshape nutzen und Kontur glätten.<br>2. Digital: Prüfen, ob die Kontur sich selbst überschneidet. |
Wenn der „Software-Fix“ nicht mehr hilft
Wenn du Overlap auf 5+ Reihen erhöhst und es bleibt sichtbar offen, stoppe das reine Parameter-Drehen – dann ist meist die Stabilität/Einspannung der Engpass.
- Material/Verbrauch: Stabilisierung prüfen.
- Werkzeug: Rutscht der Rahmen? Abgenutzte Kunststoffrahmen verlieren Haltekraft.
- Prozess: Für reproduzierbare Platzierung ist eine Einspannstation für Stickmaschinen hilfreich; ein hoopmaster Einspannstation ist in vielen Betrieben Standard, um Logos konstant an derselben Position zu platzieren und Variablen im Troubleshooting zu reduzieren.
Ergebnis
Wenn du den Unterschied zwischen Complex Fill und Turning beherrschst, digitalisierst du nicht mehr nur „Formen“, sondern planst Flächen mit Blick auf den realen Sticklauf.
- Complex Fill: schnell, stabil, flächig.
- Turning: organisch, dynamisch, verlaufend.
Praxisfazit: Eine perfekte Wilcom-Datei reicht nicht, wenn Einspannen und Materialführung schwanken. Wenn du bei dicken oder empfindlichen Artikeln regelmäßig an Grenzen klassischer Rahmen stößt, kann ein repositionierbarer Stickrahmen (insbesondere Magnetrahmen) als „Qualitätspuffer“ wirken – damit deine digitalen Einstellungen im Sticklauf so ankommen, wie du sie geplant hast.
