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Embrilliance verstehen: Express vs. Essentials
Wenn du schon einmal ein Logo für Caps gekauft hast und dann kommt ein Kunde mit der Frage: „Kannst du das splitten – vorne und hinten auf ein Polo?“, dann bist du nicht allein. Genau an diesem Punkt merkt man im Stickalltag, wie wichtig ein sauberer Software-Workflow für Tempo und Wiederholbarkeit ist. Die gute Nachricht: Du kannst das Splitten in Embrilliance Essentials erstaunlich weit treiben, ohne sofort auf höhere Module wie StitchArtist oder Enthusiast zu gehen.
Joy stellt eine Klarstellung heraus, die viele unnötige „Warum kann ich das nicht bearbeiten?!“-Momente verhindert: Express ist im Kern ein Font-Werkzeug. Super für Namen, Monogramme und reine Schriftprojekte – aber nicht als vollwertige Umgebung zum Öffnen und Bearbeiten von zugekauften Stickmotiven. Sobald du Drittanbieter-Designs öffnen, verschieben, aufteilen und als neue Dateien speichern willst, ist Essentials die sinnvolle Basis.
Warum das für kleine Shops so relevant ist: Produktionsgeschwindigkeit. Ein sauber gesplittetes Motiv lässt sich schneller proofen, schneller sticken und du musst weniger „zur Sicherheit“ einspannen, nur um zu sehen, ob die Platzierung passt. Wenn du auf einer Mehrnadelstickmaschine wie einer bai Stickmaschine (oder vergleichbaren Maschinen) arbeitest, summieren sich ein paar Minuten Zeitersparnis pro Shirt sehr schnell.

Das Projekt: Ein Cap-Logo für ein Poloshirt aufteilen
Joy startet mit einem komplexen Logo im Feuerwehr-Look, das ursprünglich für Caps digitalisiert wurde (Caps werden oft so digitalisiert, dass der Ablauf „von unten nach oben“ bzw. passend zur Cap-Wölbung funktioniert). Der Kunde möchte es jetzt aufgeteilt:
- Vorne linke Brust: Jersey + Hydrant + Text.
- Hinten Passe/Yoke (Kragenbereich): Feuerwehrauto + Text.
Machbarkeits-Check: Das ist ein „Essentials-freundlicher“ Fall, weil die Elemente räumlich getrennt sind und in klaren Farbebenen liegen. Wären Truck und Hydrant stark ineinander verschachtelt oder in denselben Farblagen „verwebt“, funktioniert dieser einfache Split nicht zuverlässig.
Praxis-Tipp vor dem Kunden-OK: Öffne die Datei und klicke gezielt auf den Truck. Markiert die Software wirklich nur den Truck? Dann kannst du mit dieser Methode arbeiten. Markiert sie das komplette Logo, brauchst du eine andere Strategie.

Schritt-für-Schritt: Designelemente über Farbebenen trennen
Dieser Abschnitt übersetzt Joys Vorgehen in einen „Klick-für-Klick“-Ablauf mit kurzen Kontrollpunkten.
Schritt 1 — Design in Essentials öffnen (Realitätscheck)
Joy öffnet das Motiv in Embrilliance Essentials (im Video auf macOS).
Kontrollpunkt: Klicke auf den Bereich „Feuerwehrauto“.
- Visuell: Siehst du eine enge Markierung („laufende Ameisen“/gestrichelte Linie) nur um den Truck?
- OK: Ja. Die Dateistruktur lässt eine Trennung zu.
- Stopp: Wenn sich beim Klick das ganze Logo wie „ein Bild“ verhält, ist diese Split-Methode nicht geeignet.

Schritt 2 — (Optionale Demo) Die „Color Sort“-Falle
Joy zeigt kurz Color Sort im Utility-Menü und macht es anschließend wieder rückgängig. Dabei sieht man ein typisches Detail: „Schwarz“ taucht in der Objektliste als zwei getrennte Stops auf.
Warum das passiert: Digitizer nutzen manchmal leicht unterschiedliche Schwarz-Codes/Thread-Einträge, damit die Maschine an einer Stelle stoppt (z. B. um ungünstige Verbindungswege zu vermeiden).
- Praxis-Hinweis: Für diesen Split-Workflow ist es oft besser, solche Einträge zunächst nicht zusammenzuführen. Sonst riskierst du Verbindungs-/Sprungartefakte, die du in Essentials nicht so komfortabel per Stichbearbeitung entfernen kannst.

Schritt 3 — Objektliste ausklappen und nach Farbebenen auswählen
Klappe die Objektliste (rechts) auf – das ist deine „Layer-Ansicht“.
Joy nutzt Command (Mac) bzw. Ctrl (PC), um mehrere, nicht zusammenhängende Ebenen zu markieren. Sie wählt Truck-Elemente (Karosserie, Räder, Lichtbalken, Konturen) und lässt Hydrant-Elemente bewusst unberührt.
Aktion: Cmd/Ctrl gedrückt halten + die benötigten Truck-Komponenten in der Liste anklicken.
- Sichtprüfung: Leuchtet auf der Arbeitsfläche aus Versehen der Hydrant mit? Dann diesen Layer erneut anklicken, um ihn zu deaktivieren. Am Ende soll wirklich nur der Truck markiert sein.

Schritt 4 — Markierte Elemente in eine neue Seite kopieren (Datei für hinten)
Wenn die Truck-Elemente markiert sind:
- Rechtsklick -> Copy.
- Auf New Page (Symbol wie ein Blatt mit Ecke) klicken.
- Rechtsklick auf die leere Fläche -> Paste.
Sicherheitscheck: Zoome heraus und prüfe, ob wirklich nur der Truck auf dieser Seite liegt. Keine „Pünktchen“, keine Mini-Objekte, keine versehentlich mitkopierten Teile.

Schritt 5 — Zur Originalseite zurück und die extrahierten Elemente löschen (Datei für vorne)
Wechsle zurück zur Originalseite. Der Truck sollte noch markiert sein.
- Delete drücken.
- Sofort „Save As“: z. B.
Kunde_Polo_Vorne_LB.PES(oder dein Maschinenformat). Speichere nie über die Masterdatei.

Schritt 6 — Vor dem Zentrieren: Auf die Essentials-„Geisterstich“-Falle prüfen
Das ist der kritischste technische Punkt. Joy zeigt eine typische Essentials-Schwäche: Nach dem Löschen kann ein winziger Verbindungs-/Sprungstich (stray stitch) als „unsichtbarer Anker“ in der Datei bleiben.
Symptom: Das sichtbare Motiv (z. B. Hydrant/Jersey) ist klein, aber der Auswahlrahmen (Bounding Box) ist riesig und ragt weit in leeren Bereich.
Gefahr: Wenn du jetzt „Center Design“ nutzt, zentriert die Software den Rahmen, nicht das sichtbare Motiv. Ergebnis: Das Logo stickt versetzt – im schlimmsten Fall ruinierst du das Shirt.
Workarounds (aus Video + Praxis aus den Kommentaren):
- Mit den Augen zentrieren: Ziehe das sichtbare Motiv manuell auf das Fadenkreuz/den Mittelpunkt, statt dich auf die automatische Zentrierung zu verlassen.
- Stitch-Simulator nutzen: Lass die Simulation bis zu dem „Ausreißer“-Stich laufen. Wenn die Nadel in „leeren Raum“ fährt und dort einen Stich setzen will, hast du den Übeltäter gefunden.
- Löschen per Auswahl (Kommentar-Tipp): Je nach Situation kannst du den einzelnen Ausreißer-Stich per Lasso/Markierung anwählen und löschen.
- Alternative Vorgehensweise (Kommentar-Tipp): In Essentials kann es helfen, in der Simulation genau an dieser Stelle zu stoppen, die Farbe dieses Stichs zu wechseln, den Stich zu markieren und dann zu löschen.

Schritt 7 — (Wie gezeigt) Text verschieben und sauber positionieren
Joy verschiebt „REDLINE JERSEYS“, um das Motiv optisch auszubalancieren. Sobald die Elemente getrennt sind, kannst du Layout-Feintuning machen.
Praxisregel: Achte darauf, dass Text nicht „klebt“, aber auch nicht abreißt. Entscheidend ist Lesbarkeit und ein ruhiges Gesamtbild.

Schritt 8 — Prüfen: Du hast jetzt zwei getrennte Seiten/Dateien
Am Ende liegen zwei getrennte Motive auf zwei Arbeitsflächen.
Speicher-Protokoll:
- Datei 1: Hinten Passe/Yoke (Truck).
- Datei 2: Vorne linke Brust (Hydrant/Jersey).
- Wichtig: Dateinamen müssen die Platzierung eindeutig machen – nicht auf Erinnerung verlassen.

Setup-Checkliste (Ende Setup)
- Softwaremodus: Ich arbeite in Essentials (Express kann keine einzelnen Objekte sauber selektieren).
- Visuelle Trennung: Truck und Hydrant sind als getrennte Ebenen/Objekte vorhanden.
- Auswahl: Mit Ctrl/Cmd+Klick alle nötigen Ebenen gewählt (kein Rad/keine Kontur vergessen!).
- Trennung: Truck auf neue Seite eingefügt; Truck auf der Front-Seite gelöscht.
- Geisterstich-Check: Bounding Box geprüft. Wenn der Rahmen größer als die sichtbare Grafik ist, nicht automatisch zentrieren.
- Dateisicherheit: Zwei neue Dateien gespeichert, Masterdatei bleibt unangetastet.
Warnung — Geisterstiche: Wenn die Maschine plötzlich in eine Ecke des Stickrahmens fährt und dort einen Knoten setzt, steckt fast immer ein „stray stitch“-Artefakt in der Datei. Vor Stoff immer kurz die Simulation prüfen.
Fehlersuche: „Stray Stitches“ in Essentials in den Griff bekommen
Symptom 1: Auswahlrahmen riesig / Motiv zentriert nicht korrekt
- Wahrscheinliche Ursache: Ein Rest-Sprungstich/Ankerpunkt vom gelöschten Truck hängt noch am Front-Motiv.
- Sofortmaßnahme: Nicht „Center“ drücken. Herauszoomen und das sichtbare Motiv manuell auf den Mittelpunkt ziehen.
- Zusatz aus der Praxis: Per Lasso/Markierung den einzelnen Ausreißer-Stich suchen und löschen; alternativ über den Stitch-Simulator anfahren und gezielt entfernen.
- Wenn vorhanden: Mit Enthusiast kannst du per Stichbearbeitung den unsichtbaren Node direkt löschen.

Symptom 2: „Schwarz“ erscheint zweimal in der Objektliste
- Grund: Zwei unterschiedliche Thread-Einträge/Schwarz-Varianten im Originaldesign.
Symptom 3: Du kannst Designs in Express öffnen, aber nach dem Namen nicht speichern
- Einordnung (aus den Kommentaren): In Express kann es vorkommen, dass du zwar öffnen/anzeigen und Text setzen kannst, das Speichern aber eingeschränkt ist.
- Lösung: Auf Essentials upgraden, wenn du Designs wirklich bearbeiten und als neue Datei sichern willst.
Symptom 4: „T break“-Fehler an einer Mehrnadelstickmaschine
In den Kommentaren wird ein „T break“ (Thread Break) erwähnt. Das kann mehrere Ursachen haben.
Schnellcheck von günstig nach aufwendig:
- Fadenweg (0 €): Komplett neu einfädeln. Faden sauber durch alle Führungen, Spannungsscheiben und den Fadenhebel.
- Unterfaden (0 €): Unterfadenspule prüfen (Faden leer? korrekt eingelegt?). Unterfadenprobleme können wie Oberfadenrisse wirken.
- Nadel (gering): Nadel wechseln. Eine minimale Kerbe am Öhr kann den Oberfaden sofort schädigen.
- Support (Zeit): Wenn das Problem bleibt, den Support deiner bai Stickmaschine kontaktieren.
Warnung — Sicherheit: Beim Troubleshooting niemals in den Bereich von Nadelstange/Greifer greifen. Und wenn du mit einem Magnetrahmen für bai arbeitest: Finger aus dem Magnetbereich halten – Magnetrahmen schließen mit hoher Kraft.
Ergebnis: Linke Brust perfekt platzieren (Polo)
Joy zeigt am Ende das fertige Polo. Hier ist die Logik dahinter – als wiederholbare Methode für den Alltag.
Exakte Platzierungsmethode (L/XL Herren)
Mit einem transparenten Lineal und Markierstift (wasserlöslich) oder Schneiderkreide:
- Vertikal: 7 inches von der Stelle nach unten messen, an der Schulternaht und Kragenansatz zusammentreffen.
- Horizontal: 4 inches von der Mitte der Knopfleiste (Placket) nach außen messen.
- Fadenkreuz: Der Schnittpunkt ist die Mitte deines Motivs.

Entscheidungsbaum: Stickvlies + Einspannen-Strategie
Polos sind Strickware (dehnbar). Behandelst du sie wie Denim, bekommst du schnell Wellen/Puckering.
Szenario A: Stofftest
- Aktion: Stoff leicht dehnen.
- Ergebnis: Dehnbar = Cutaway-Stickvlies ist in der Regel die sichere Wahl. Wenig dehnbar = Tearaway kann funktionieren, ist aber je nach Piqué riskanter.
Szenario B: Kleine Stückzahl (1–2 Shirts)
- Lösung: Standard-Stickrahmen. Stickvlies mit temporärem Sprühkleber fixieren und dann einspannen.
Szenario C: Teamauftrag (50+ Shirts)
- Bedingung: Du brauchst Tempo und reproduzierbare Passung. Standard-Einspannen kostet Zeit oder führt zu Ausrichtungsfehlern.
- Lösung: Viele Profis wechseln hier auf einen magnetic embroidery hoop.
- Warum? Er hält auch dickere Bereiche wie die Knopfleiste, ohne dass du den Rahmen „zwingen“ musst.
- Effekt: Schnelleres Laden, weniger Stress für Hände/Handgelenke und oft weniger Rahmenspuren.
Warum „gerade“ sticken auf Streifenpolos echte Praxis ist
Joy erwähnt, dass Streifen jeden kleinen Schiefstand sofort sichtbar machen.
So minimierst du Schräglage:
- Template zuerst: Motiv ausdrucken und mit Tape auflegen, um die Optik zu prüfen.
- Einspannhilfe: Wenn möglich eine Einspannstation für Maschinenstickerei nutzen, damit die Streifen parallel zum Rahmen laufen.
- Ausrichtung an der Maschine: Vor dem Start prüfen, ob Nadel/Design zur Streifenlinie passt; ggf. Designrotation an der Maschine vornehmen.
Produktions-Checkliste (Ende Operation)
- Datei-Check: „Vorne“ für linke Brust geladen; „Hinten“ für Passe/Yoke.
- Nadel-Check: 75/11 Kugelspitze für Strickware (Sharps können Maschen beschädigen).
- Messung: 7" runter / 4" rüber markiert.
- Rahmen-Check: Stoff glatt, nicht überdehnt eingespannt.
- Trace: Rahmenfahrt/Trace laufen lassen, damit der Fuß nicht am Rahmen anschlägt.
- Startkontrolle: Erste Stiche beobachten, um Fadensalat früh zu stoppen.
Vorbereitung: „Mise-en-place“ für saubere Ergebnisse
Bevor du in der Software klickst, sollte das physische Setup stehen. Joy zeigt Garn und das fertige Polo – hier ist die ergänzende Praxisliste, die Jobs rettet.
Versteckte Verbrauchsmaterialien & Checks
- Nadeln: Kugelspitze für Polos/Strick; passende Nadel je nach Material.
- Stickvlies: Cutaway für Polo; Tearaway eher für weniger dehnbare Anwendungen.
- Topping: Wasserlösliches Topping (z. B. Solvy), damit Stiche nicht im Piqué „versinken“.
- Markieren: Luftlöschstift oder Kreide.
- Fixierung: Temporärer Sprühkleber, um Vlies zu „floaten“.
- Hardware: Passenden Rahmen bereitlegen. Wenn es eng wird (z. B. kleine Brustlogos), lohnt ein Blick auf Stickrahmen Größen für bai Stickmaschinen für kleinere Rahmen.
Prep-Checkliste (Ende Prep)
- Bestand: Genug Oberfaden und passender Unterfaden vorhanden?
- Nadel: Gerade und sauber? (Auf dem Tisch rollen – eiert sie, weg damit.)
- Pflege: Bei einer bai Stickmaschine: tägliche Routine prüfen (z. B. Ölen nach Herstellerangaben).
- Arbeitsplatz: Freie Bewegungszone – Mehrnadelstickmaschinen brauchen Platz.
Hinweis zu Rahmengröße und Platzierungszonen
Für linke Brust und hintere Passe ist oft der kleinste Rahmen, der das Motiv sicher abdeckt, die beste Wahl (z. B. 100x100 mm bzw. 4x4").
- Warum? Ein zu großer Rahmen kann mehr Stoffbewegung („Flagging“) erzeugen und die Passung verschlechtern.
Ergebnisse
Mit Joy Elizabeths Essentials-Workflow bekommst du eine professionelle Fähigkeit, ohne sofort in teure Software-Upgrades zu springen.
Deine Deliverables:
- Saubere Dateien: Front- und Back-Datei, sauber isoliert (inkl. Geisterstich-Check).
- Sichere Platzierung: Die 7"/4"-Regel als robuste Basis für die meisten Erwachsenen-Polos.
- Produktions-Readiness: Ein klares Gefühl dafür, wann Standard-Stickrahmen reichen – und wann Begriffe wie how to use magnetic embroidery hoop im Alltag plötzlich relevant werden (meist ab Volumen).
Software-Split ist Schritt 1. Sauberes Einspannen und Platzieren ist Schritt 2. Wenn beides sitzt, kannst du den nächsten Polo-Auftrag deutlich entspannter annehmen.
