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Equipment-Check: Ein-Nadel vs. Mehrkopf
Ein Auftrag über 100 Teile läuft je nach Maschine komplett unterschiedlich – selbst wenn die Stichzahl identisch ist. In der Maschinenstickerei bedeutet „Kapazität“ nicht nur SPM auf dem Display, sondern vor allem: Wie viel manuelle Eingriffe pro Teil fallen wirklich an?
Das Szenario ist typisch: 100 Mäntel, ein ~5.000-Stich-Motiv und eine Woche Lieferzeit. Die Unsicherheit: Preis. Sind 6 $ pro Mantel „günstig“ – oder ein Fehler? Sind 15 $ schon „zu abschreckend“?
Bevor du überhaupt über Zahlen sprichst, brauchst du einen Reality-Check deiner Produktion.

Was du wirklich bepreist: Durchsatz (Kapazität), nicht nur Stiche
Die „Speed“-Zahl am Display ist nur ein Sollwert. Entscheidend ist die tatsächliche Produktionsgeschwindigkeit – also wie oft die Maschine stoppt (Farbwechsel, Einspannen, Fadenrisse, Handling).
- Ein-Nadel-Flachbett (Haushaltsmaschinen):
- Engpass: Jeder Farbwechsel bedeutet: du fädelst manuell um. Hat das Motiv 5 Farben, sind das bei 100 Mänteln im Worst Case 500 manuelle Stopps.
- Praxisgefühl: Du hörst mehr Stillstand als Nähen.
- Fazit: Du kalkulierst vor allem Arbeitszeit/Handling, nicht nur Maschinenlaufzeit.
- Einkopf-Mehrnadelstickmaschine (z. B. 6/10/15 Nadeln):
- Engpass: Einspannen und Handling. Die Maschine arbeitet die Farben automatisch ab.
- Praxisgefühl: Nadelbalken schaltet um – und es geht direkt weiter.
- Fazit: Du reduzierst Stillstand deutlich (typisch 50–70 % weniger manuelle Unterbrechungen im Vergleich zur Ein-Nadel-Maschine, je nach Motiv/Farbanzahl).
- Mehrkopfmaschine (2/4/6+ Köpfe):
- Vorteil: Lineare Skalierung: 2 Köpfe = doppelte Stückzahl pro Lauf.
- Fazit: Das ist Serien-/Massenproduktion.
Wenn du mit einer Einkopf-Stickmaschine arbeitest, solltest du niemals versuchen, die Stückpreise einer 12-Kopf-Produktion zu „matchen“. Du verkaufst Service, Qualität und Flexibilität – keine Fabrikgeschwindigkeit.
Der Deadline-Test (bevor du anbietest)
Mach diesen kurzen „Sanity Check“, bevor du ein Angebot rausgibst:
- Stichzahl-Realität: 5.000 Stiche sind ein guter Bereich für Profitabilität – schnell genug für Durchsatz, aber „wertig“ genug, um sauber zu berechnen.
- Farbkomplexität: Auf einer Ein-Nadel-Maschine sind 2 Farben meist gut beherrschbar; 8 Farben bedeuten sehr viel Stillstand. Auf einer Mehrnadelstickmaschine ist die Farbanzahl weniger kritisch, aber sie beeinflusst weiterhin Laufzeit und potenzielle Fehlerquellen.
- „Bulk Factor“: Mäntel sind schwer und sperrig. Das Gewicht zieht am Stickrahmen.
- Kurztest: Wenn der Stoff beim Nähen am Rahmen „zieht“ oder der Rahmen sich minimal bewegt, leidet die Passung – das Motiv kann sichtbar „wandern“.
Warnung (Arbeitssicherheit): Gefahr durch schwere Bekleidung. Beim Besticken schwerer Mäntel kann das Gewicht den Stickrahmen nach unten ziehen. Stütze den Stoff nicht mit der Hand in der Nähe des Nadelbalkens, während die Maschine läuft. Eine Nadel, die mit 700 SPM durch dickes Material läuft, kann brechen – Splitter können Richtung Augen fliegen. Nutze stattdessen einen Tisch/Anlagetisch oder eine Ablage, um das Mantelgewicht zu tragen.

Die echten Kosten eines Stickbetriebs berechnen
Preisgestaltung ist Bauchgefühl – bis du rechnest. Ab dann wird es logisch.
Weg von „Faden kostet fast nichts“ hin zu dem, was Marge wirklich frisst: Reibung/Stillstand (Setup, Einspannen, Unterbrechungen, Nacharbeit).

Behandle „abbezahlte“ Maschinen so, als hätten sie weiterhin Kosten
Viele rechnen: „Maschine ist bezahlt, also kostet sie 0.“ Das stimmt nicht. Jede Produktionsstunde erzeugt Verschleiß (Motoren, Riemen, Lager, bewegte Wellen). Kalkuliere eine Maschinenstundenrate (z. B. 5–10 $/h), um Rücklagen für Ersatz/Upgrade zu bilden. Wenn die Maschine irgendwann ersetzt werden muss, sollte das Geld dafür über deine Kalkulation bereits verdient worden sein.
Versteckte Verbrauchsmaterialien & Vorbereitungs-Checks
Bei 100 Mänteln verbrauchst du nicht nur Garn. Du verbrennst Material, das Einsteiger oft nicht sauber einpreisen.
Die „unsichtbare“ Stückliste (Bill of Materials):
- Nadeln: Schwer
