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In-the-hoop (ITH)-Projekte werden unter Sticker:innen gern als „Kartoffelchips“ beschrieben – man kann selten nur eins machen. Der Reiz: Du bekommst ein sauber verarbeitetes, „fertiges“ Teil direkt aus der Maschine, ohne an die Nähmaschine zu müssen. Gleichzeitig sind ITH-Projekte ein gnadenloser Test für Setup und Prozessdisziplin: Du baust ein 3D-Teil (Lagenpaket + Wendeöffnung) in einem 2D-Stickrahmen. Fadenspannung, Lagenführung und Passung sind hier nicht verhandelbar.
In dieser Masterclass sticken wir einen ITH Kürbis-Untersetzer (beliebtes Creative-Kiwi-Design) auf einer Brother Dream Machine im 8x8-Stickrahmen. Wir „nähen“ nicht einfach nach – wir verstehen, warum die Inlay-Applikation sauber wird, wie Stipple-Quilting stabil bleibt und warum der Envelope-Back der kritische Moment ist.

Materialliste für den ITH Kürbis-Untersetzer
Behandle dieses Projekt wie einen kleinen Produktionslauf. Das dichte Stipple-Quilting ist ein Stresstest für dein Stickvlies: Wenn die Basis schwach ist, verzieht sich der Untersetzer – und aus „quadratisch“ wird schnell „trapezförmig“.
Kernmaterialien (das Fundament)
- Stickvlies: Tearaway (mittlere Qualität). Wichtig: Kein „papieriges“ Billig-Tearaway – das perforiert und reißt in der Stipple-Phase.
- Stoffe (empfohlen: 100% Baumwolle):
- Basis: Orange (z. B. Waben-/Honeycomb-Print), vorgewaschen und gebügelt.
- Inset: Kürbis-Print für die Applikation.
- Rückseite: Zwei passende Baumwollstücke, sauber zur Hälfte gebügelt (harte Kante).
- Batting/Volumenvlies: Dünnes, low-loft Baumwoll- oder Bambusvlies. Kein hochvolumiges Polyester-Puff – das erhöht den Widerstand unter dem Fuß und macht die Schlussnaht riskanter.
- Garn:
- 40wt Stickgarn (Orange und Dunkelbraun).
„Unsichtbare“ Verbrauchsteile (die Fehlervermeider)
Viele lassen das weg – in der Praxis sind das die Dinge, die über „läuft durch“ oder „Totalschaden“ entscheiden.
- Frische Nadel: 75/11 oder 80/12 (Sharp oder Universal). Eine stumpfe Nadel durch Baumwolle + Batting + Vlies + dichte Stipple-Stiche führt schnell zu Fadenrissen.
- Applikationsschere (gebogen): Für sauberes Trimmen nah an der Naht, ohne den Unterstoff zu verletzen.
- Spitze, scharfe Schere: Zum „Anstich“ beim Innenausschnitt (wenn die Applikationsschere vorne nicht spitz genug ist).
- Malerband (Painter’s Tape) oder Stick-/Medical Tape: Der Schlüssel für den Envelope-Back.
- Pinsel/Brush für Fussel: Batting macht Flusen – Flusen im Spulenkorb = Spannungsprobleme.

Prep-Checkliste: „Pre-Flight“ vor dem Start
Schalte die Maschine erst „auf Produktion“, wenn diese Punkte sitzen.
- Rahmencheck: Richtige Rahmengröße für die Datei bestätigt (hier 8x8).
- Freigängigkeit: Arm/Stickfeld hat Platz – ITH nutzt oft das volle Feld; ein Anstoßen bedeutet Lagenverschiebung.
- Unterfaden: Volle Unterfadenspule (typisch 60wt/90wt). Nicht mit „nur noch 20%“ starten – mitten im Stipple zu wechseln ist unnötig riskant.
- Scheren-Test: Auf Reststück prüfen: Schneidet sie „crisp“ oder „kaut“ sie? Bei „kauen“: wechseln.
- Nadelwechsel: Wenn du nicht sicher weißt, wann die Nadel zuletzt neu war: jetzt tauschen.
Warnung (Mechanische Sicherheit): Hände weg vom Nadelbereich. Beim Applikationsschnitt den Stickrahmen aus der Maschine nehmen (oder „Lock“-Modus nutzen, falls vorhanden). Niemals trimmen, während der Rahmen eingespannt ist und die Maschine „live“ ist – ein versehentlicher Start kann zu Verletzungen führen.
Schritt 1: Einspannen und Platzierungslinien
Ein Großteil der Fehler entsteht beim Einspannen, nicht beim Sticken. Für ITH brauchst du ein wirklich „trommelfestes“ Fundament.
1) Stickvlies einspannen (das Fundament)
Spanne eine Lage Tearaway-Stickvlies ein.
Sensorischer Check („Thump“-Test): Schraube handfest anziehen, Vlies an den Kanten leicht nachspannen, dann nachziehen. Mit dem Fingernagel antippen: Es sollte ein klarer, resonanter „Ping/Thump“ kommen – wie bei einer Trommel. Klingt es dumpf oder fühlt es sich schwammig an, ist es zu locker.
Praxislogik: Dichtes Quilting zieht in viele Richtungen. Ist das Vlies nicht straff, „drückt“ die Nadel das Material nach unten (Flagging), und am Ende stimmt die Passung nicht mehr (Lücken/Versatz).
Wenn du diese Untersetzer in Serie sticken willst (Geschenke, Kleinserie, Shop), wird gleichmäßiges Einspannen zum Engpass. Eine hooping station for embroidery machine hilft, Position und Spannung zu standardisieren – damit der 50. Untersetzer so sauber wird wie der erste.

2) Platzierungslinie sticken
Sticke den ersten Farb-/Stopp-Schritt direkt auf das Stickvlies.
Checkpoint: Die Linie muss sauber und gleichmäßig sein. Wenn oben Schlaufen liegen: Oberfaden neu einfädeln. Wenn deutlich Unterfaden oben sichtbar wird: Oberfadenspannung zu hoch oder die Unterfadenspule sitzt nicht korrekt in der Spannfeder.
Schritt 2: Applikation und Trimmtechnik
Wir arbeiten mit der „Float“-Methode, damit der Stoff nicht zwischen Innen- und Außenring gequetscht wird (und du weniger Rahmenspuren riskierst).
3) Batting & Basisstoff floaten
Lege das dünne Batting und darüber den Basisstoff (orange) über die gestickte Box. Glätte von der Mitte nach außen.
„Flatness“-Regel: Alles, was jetzt eine Falte ist, bleibt später eine Falte. Nimm dir hier Zeit.
Dann den Tack-down sticken lassen.

4) Inlay-Schnitt (das „Fenster“ ausschneiden)
Die Maschine stickt eine innere Kürbisform. Jetzt entfernst du den orangefarbenen Stoff innerhalb dieser Form, damit ein „Fenster“ für den zweiten Stoff entsteht.
Technik:
- Den orangefarbenen Stoff im Inneren leicht anheben/„kneifen“.
- Mit der spitzen Schere einen kleinen Startschnitt setzen.
- Auf Applikationsschere wechseln und die Schere flach unter den Stoff führen.
- Innen ausschneiden, sodass ein sauberer Rand stehen bleibt.

Checkpoint: Du darfst nur die obere orange Lage schneiden. Batting und Stickvlies darunter müssen intakt bleiben.
5) Inset-Stoff auflegen und außen trimmen
Lege den Kürbis-Print über das ausgeschnittene Fenster. Tack-down sticken. Danach den überstehenden Kürbisstoff außen sauber zurückschneiden.
Warum das so „professionell“ wirkt: Inlay liegt flacher als klassische, gestapelte Applikation – weniger Aufbau, weniger „Beule“ unter Tasse/Becher.

Detailstiche: Stipple-Quilting und Satin
Jetzt kommt Struktur und Haltbarkeit.
6) Kanten sichern (Zickzack)
Die Maschine stickt Zickzack, um die Rohkanten zu bändigen.
Checkpoint (visuell): Nah ran: Stehen irgendwo Fäden/„Fransen“ raus? Jetzt sauber wegtrimmen. Was später unter Satin liegt, bleibt sichtbar.

7) Stipple-Quilting (der Belastungstest)
Nun läuft das meandernde Quilting über den Hintergrund.
Praxis-Tipp aus dem Ablauf: Im Video bleibt die Quilting-Farbe Orange, damit der Print nicht „zugedeckt“ wirkt – du siehst die Textur, aber die Motive bleiben lesbar.

Wenn sich Wellen bilden: Das ist fast immer ein Einspann-/Stabilisations-Thema. Nicht am Stoff ziehen, während die Maschine stickt (Nadelverbiegung!). Merken und beim nächsten Mal straffer einspannen.
8) Satin: Stiel und Kürbislinien
Wechsle auf Braun für den Stiel, danach zurück auf Orange für die Innenlinien.
Fadenmanagement (wichtig): Beim Farbwechsel oben am Garn abschneiden und den Faden in normaler Laufrichtung durch die Nadel ziehen. Nicht rückwärts „rausreißen“ – das zieht Fussel in die Spannscheiben.

Envelope-Back: die kritische Zone
Hier scheitern viele ITH-Untersetzer: Zwei umgelegte Stoffkanten treffen auf den Nähfuß – und wenn der Fuß hängen bleibt, verschiebt sich die Rückseite.
9) Platzierung der Rückseite
Lege die zwei gebügelten Rückseitenstücke rechts auf rechts (face down) auf das Projekt.
- Teil 1: Bruchkante zur Mitte.
- Teil 2: Bruchkante zur Mitte, leicht überlappend.

Warum es hier „hakt“: Der Nähfuß gleitet gut über flache Lagen. An der umgelegten Kante entsteht eine Stufe – der Fuß kann darunter greifen, Stiche stauen oder den Stoff wegschieben.

10) Die „Rampe“ gegen Hängenbleiben
Low-Tech, aber extrem effektiv: Tape.
Klebe Malerband (oder Stick-/Medical Tape) über die umgelegten Kanten dort, wo der Fuß drüberlaufen wird. Das Tape wirkt wie eine kleine Rampe und reduziert das Risiko, dass der Fuß unter die Kante greift.


Die „Commercial“-Option: Prozess stabilisieren
Wenn du regelmäßig Verschiebungen hast oder dich Rahmenspuren auf Baumwolle nerven, ist das oft weniger „Bedienfehler“ als eine Systemgrenze klassischer Rahmen (Klemmung zwischen Innen-/Außenring).
Upgrade-Pfad:
- Problem: Klassische Rahmen können Lagen verziehen und Druckspuren hinterlassen.
- Kriterium: Bei Stückzahlen brauchst du Haltekraft und Planlage ohne Innenring-„Stress“.
- Option: Viele Profis nutzen Magnetrahmen für Stickmaschine – Magnetrahmen klemmen das Lagenpaket (Vlies + Batting + Stoff) mit gleichmäßigem Druck.
- Hinweis zur Auswahl: Für die Maschine aus dem Demo-Kontext suche gezielt nach Stickrahmen 8x8 für brother oder Magnetrahmen für brother dream machine, damit die Aufnahme/Geometrie passt.
Warnung (Magnet-Sicherheit): Magnetrahmen haben sehr starke Magnete. Quetschgefahr: Finger beim Schließen aus dem Bereich nehmen. Medizinische Sicherheit: Bei Herzschrittmachern/Insulinpumpen Abstand halten (Handbuch des Medizinprodukts beachten).
Setup-Checkliste (vor der Schlussnaht)
- Rückseitenstoffe liegen Face Down.
- Die Überlappung in der Mitte ist vorhanden (keine Lücke).
- Tape ist gesetzt über den Bruchkanten im Nähfuß-Pfad.
- Geschwindigkeit reduziert (für die dicke Stelle kontrollierter sticken).
Operation (Finale Sequenz)
Sticke die letzte Umrandung. Im Video wird sie „zweimal“ gestickt, um die Kante stabil zu schließen.
Schritte bis „fertig“:
- Platzieren: Rückseite ausrichten, Überlappung prüfen.
- Sichern: Tape-Rampen kleben.
- Sticken: Dabeibleiben. Wenn der Fuß an der Kante hängen bleibt: sofort stoppen.
- Abnehmen: Rahmen aus der Maschine nehmen.
12) Auslösen, zurückschneiden, wenden
Projekt aus dem Stickrahmen nehmen. Tearaway-Stickvlies vorsichtig abreißen.
Wichtig aus dem Video: Nicht einfach „wegreißen“. Mit der Hand die Stickerei abstützen/gegenhalten, damit du keine Stiche verziehst.
Dann knapp zurückschneiden und die Ecken schräg einknipsen (ohne in die Naht zu schneiden), damit die Ecken nach dem Wenden sauber ausformen.

13) Wenden und Pressen
Durch die Envelope-Öffnung wenden. Ecken vorsichtig ausformen (Finger, Stäbchen oder ein geeignetes Tool). Zum Schluss flach bügeln.

Troubleshooting (Symptom → Logik → Fix)
| Symptom | Likely Cause | Quick Fix | Prevention |
|---|---|---|---|
| Fadennest unten | Oberfaden hat Spannung verloren; Faden ist aus dem Fadenhebel gesprungen. | Neu einfädeln bei angehobenem Nähfuß (Spannscheiben offen). | Oberfaden konsequent in den Fadenweg „einrasten“. |
| Rückseite hat sich verschoben | Nähfuß hat an der Bruchkante gehakt und den Stoff geschoben. | Stoppen. Tape über die Kante setzen. | „Tape-Rampe“ konsequent einsetzen. |
| Nadelbruch bei der Schlussnaht | Lagenpaket zu dick; Nadel wird abgelenkt. | Nadel ersetzen. | Langsamer sticken; bessere Planlage z. B. mit Magnetrahmen für brother. |
| Unterfaden (weiß) oben sichtbar | Unterfadenspannung zu locker ODER Oberfadenspannung zu hoch. | Spulenkorb reinigen (Flusen). | Sauberes Unterfadengarn (60wt/90wt) und regelmäßige Reinigung. |
| Unruhiger Satin | Zu wenig Stabilität im Unterbau. | Für dieses Teil kaum korrigierbar. | Beim nächsten Mal straffer einspannen; ggf. zusätzliche Vlieslage. |
Entscheidungshilfe: Stickvlies- und Rahmenstrategie
Stickerei ist nie „one size fits all“. Nutze diese Logik für deine Setup-Entscheidung.
- Ist dein Stoff dehnbar (Jersey/Strick)?
- Ja: Stop – Tearaway ist riskant. Du brauchst Cutaway/Poly-Mesh.
- Nein (gewebte Baumwolle): Tearaway ist passend.
- Machst du 1 Stück oder 50?
- 1 Stück: Manuelles Einspannen reicht – arbeite langsam und sauber.
- 50 Stück (Serie): Wiederholgenauigkeit und Rahmenspuren werden zum Thema. Magnetrahmen für Stickmaschine können Tempo und Ausschussquote verbessern.
- Hakt die Schlussnaht am Bruch?
- Ja: Tape konsequent nutzen und auf dünnes Batting achten.
Ergebnis und nächste Schritte
Am Ende solltest du einen sauber quadratischen, strukturierten Kürbis-Untersetzer in der Hand haben: klare Ecken, flach liegender Envelope-Back und ein Stipple-Hintergrund, der professionell wirkt, ohne den Print zu überdecken.
Aus der Praxis (typische Fragen): In den Rückmeldungen taucht häufig die Begrifflichkeit „coaster“ vs. „mug rug“ auf – im Kontext dieses Designs ist das im Grunde dasselbe; das gezeigte Ergebnis ist quadratisch.
Wenn du merkst, dass dich Farbwechsel und Rüstzeit ausbremsen, ist das der Punkt, an dem sich „Hobby“ und „Produktion“ trennen. Für effizienteres Arbeiten lohnt sich ein Blick auf Prozesshilfen wie Magnetrahmen für brother – schnelleres Einspannen, stabilere Lagenführung und weniger Stress an den kritischen Stellen.
