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3D-ITH Weihnachtsbaum aus verstärktem Filz meistern: Technischer Praxis-Guide
Du baust gleich einen freistehenden, 3D In-The-Hoop (ITH) Weihnachtsbaum. Er besteht aus drei separaten Panels, die am Ende ineinandergesteckt werden. Jedes Panel ist ein „Sandwich“ mit System: Kern aus verstärktem Filz + aufgebügelte Stoffschicht, damit die Teile beim Zusammenstecken stabil bleiben und nicht in sich zusammenfallen.

Die technische Herausforderung (warum das viele nervös macht)
Dieses Projekt lebt von Floating-Technik. Anders als beim klassischen Einspannen liegt dein dicker Filz oben auf dem Stickvlies – er wird nicht vom Stickrahmen geklemmt.
- Das Risiko: Durch die Dicke und Reibung können sich die Lagen minimal verschieben. Schon 1 mm reicht, damit die Satinkante nicht sauber über die Kante greift und Filz sichtbar bleibt.
- Die Lösung: Wir kombinieren eine sichere Verbindung (Vliesofix/Fusible Web) mit mechanischer Fixierung (Tape/Pins), damit während des Stickens praktisch „Null Bewegung“ entsteht.
Dieser Guide geht bewusst über „mach einfach so“ hinaus und erklärt dir, warum die Schritte funktionieren – damit das Ergebnis professionell aussieht und reproduzierbar ist.
Phase 1: Materialliste & „versteckte“ Verbrauchsmaterialien
Bei freistehenden Projekten sind 90% Vorbereitung und 10% Sticken. Hier ist das Setup aus der Demo – so bekommst du ein steifes, langlebiges Ergebnis.
Kernmaterialien
- Verstärkter Filz: (im Video grün). Wichtig: wirklich verstärkt – normaler Bastelfilz ist zu weich für eine freistehende 3D-Form.
- Baumwollstoff: Am besten dicht gewebter Quilt-Baumwollstoff.
- Doppelseitiges Bügelvlies (Fusible Web): Im Beispiel: Madeira Applique Magic (papierkaschiert).
- Stickvlies: Wasserlösliches Mesh-Stickvlies (WSS). Menge: 2 Lagen erforderlich. Kein Ausreißvlies – das hinterlässt an der Kante oft „fusselige“ Reste.
- Garn:
- Konstruktion: 40 wt Polyester (Grün/Gold).
- Detail: Metallicgarn für den Stern (optional, aber optisch stark).
- Unterfaden: Farblich passend (weil Vorder- und Rückseite sichtbar sind).
„Versteckte“ Verbrauchsmaterialien (bitte nicht ohne starten)
- 75/11 Sticknadel: In der Praxis der beste Kompromiss für dieses Sandwich – stabil genug, aber noch fein.
- 3M Transport Tape (Medical Tape): Hält zuverlässig und lässt sich sauber abreißen; die Maschine näht in der Demo problemlos darüber.
- T-Pins: Zum Fixieren des wasserlöslichen Vlieses im Stickrahmen (bei Standardrahmen).
- Gebogene Applikationsschere: Für bündiges Zurückschneiden an der Naht.
- Schüssel mit warmem Wasser + Pinsel: Für kontrolliertes Anlösen.
Entscheidungslogik: Passt dein „Sandwich“?
Bevor du zuschneidest, prüfe kurz diese Kombinationen – sie entscheiden über Standfestigkeit und saubere Kanten:
| Wenn dein Stoff… | und dein Filz… | dann solltest du… |
|---|---|---|
| dünne Baumwolle (Standard) | sehr steif (ca. 2 mm+) | Fusible Web nutzen – passt. |
| dicker Flanell/Canvas | normal verstärkt | STOP. Zu dick; die Satinkante deckt evtl. nicht sauber. Nimm dünneren Stoff. |
| rutschig (Satin/Seide) | jeder Filz | Risiko. Erst leichte Bügeleinlage auf den Stoff, dann Fusible Web – reduziert Verzug/Fransen. |
Phase 2: Chemische Verbindung (Stoff-Filz-Sandwich)
Du erzeugst eine „Grundbindung“: Der Stoff muss sich wie eine Einheit mit dem Filz verhalten. Wenn Lufttaschen bleiben, schiebt der Stickfuß den Stoff beim Sticken wie ein Bulldozer – Falten sind vorprogrammiert.

Schritt 1 — Vorbereiten & glatt bügeln
Bügle den Baumwollstoff glatt.
- Praxis-Check: Was jetzt als Falte drin ist, bleibt nach dem Aufbügeln sichtbar.
Schritt 2 — Fusible Web aufbringen
Lege das Fusible Web mit der Klebeseite nach unten auf die linke Stoffseite. Mit trockenem Bügeleisen (mittlere Hitze) pressen. Danach wenden und auch von vorne kurz pressen.
- Warum so herum: Erst auf den Stoff, nicht auf den Filz – der Stoff verträgt die erste Hitze/Pressung besser.
Schritt 3 — „Cool-Peel“-Technik
Lass das Ganze ca. 20–30 Sekunden abkühlen.
- Warum: Heiß ist der Kleber noch „flüssig“. Ziehst du zu früh ab, bleibt er eher am Papier. Kurz abkühlen = Kleber bleibt am Stoff.
- Erkennungsmerkmal: Nach dem Abziehen wirkt die Rückseite glänzend und fühlt sich leicht klebrig an.

Schritt 4 — Auf Filz aufbügeln
Lege den klebrigen Stoff auf den verstärkten Filz und presse ihn fest auf.
- Menge: Du brauchst 6 Teile (Vorder- und Rückseite für 3 Panels).
Prep-Checkliste: „Go / No-Go“
- 6× Stoff/Filz-Sandwiches vorbereitet.
- Hafttest: Stoffecke mit dem Fingernagel anheben – wenn sie sich leicht löst: nochmal pressen.
- 2 Lagen Mesh-WSS zugeschnitten.
- Neue 75/11 Nadel eingesetzt. (Stumpfe Nadeln kämpfen bei Kleber + Filz und erhöhen Fehlstiche.)
- Unterfadenspule mit passender Farbe vorbereitet.
Tipp für Serienfertigung (aus dem Workflow abgeleitet):
Wenn du mehrere Bäume machst, arbeite in Chargen: erst alle Sandwiches bügeln, dann erst an die Maschine. Das reduziert Umrüstzeit und sorgt für gleichmäßige Qualität.
Phase 3: Einspannen & Floating-Mechanik (die variable Fehlerquelle)
Das ist der kritischste Abschnitt. Du floatest das Projekt: Im Stickrahmen ist nur das Stickvlies eingespannt – der Filz liegt oben auf.

Grenzen von Standard-Stickrahmen
Standardrahmen halten über Reibung zwischen Innen- und Außenrahmen. Bei dünnem Vlies ist diese Reibung gering.
- Problem: Durch tausende Einstiche „entspannt“ sich das Vlies, es kann nachgeben. Das ist eine der häufigsten Ursachen für Passungsprobleme an der Satinkante.
- Fix aus dem Video: T-Pins entlang der inneren Kante setzen, um das Vlies mechanisch zu „verriegeln“.
Warnung (Mechanische Sicherheit):
T-Pins immer bündig am Rahmenrand platzieren. Ragt ein Pin ins Stickfeld, kann der Stickfuß kollidieren – Nadelbruch und im schlimmsten Fall Timing-Probleme.
Upgrade-Pfad: Magnetrahmen
Dieses Projekt ist ein Paradebeispiel für Magnetrahmen für Stickmaschine.
- Wann es Sinn macht: Wenn dein Vlies anfangs „trommelfest“ ist, aber nach ein paar Minuten durchhängt – oder wenn du bei empfindlichen Materialien Rahmenspuren vermeiden willst.
- Vorteil: Magnetrahmen klemmen flächig und sehr kräftig. Das Vlies bleibt gleichmäßig straff, ohne dass du auf Reibung oder T-Pins angewiesen bist.
- Praxis-Kriterium: Wenn du die Bäume verkaufen willst, kann ein Magnetrahmen für brother (bzw. passend zu deiner Marke) Ausschuss durch Versatz deutlich reduzieren.
Warnung (Magnet-Sicherheit):
Neodym-Magnete sind extrem stark. Finger aus der Klemmzone halten (Quetschgefahr) und Abstand zu Herzschrittmachern einhalten.
Schritt 1 — Stickvlies einspannen
Spanne zwei Lagen Mesh-WSS in den Stickrahmen ein.
- Praxis-Test: Kurz antippen – es sollte sich wie eine Trommel anfühlen, nicht „labbrig“.
Schritt 2 — Platzierungslinie sticken & ausrichten
Sticke Schritt 1 des Designs (Platzierungslinie).
- Wichtig: Nimm eine gut sichtbare Farbe – diese Linie ist deine Referenz.
Schritt 3 — Vorderseite fixieren
Zentriere dein Sandwich auf der Platzierungslinie. Oben und unten abkleben.
- Technik: 3M Transpore/Transport Tape lässt sich gerade abreißen und hält zuverlässig.

Schritt 4 — „Hohlraum abstützen“ (entscheidend für die Rückseite)
Jetzt wird die Rückseite aufgelegt und festgetaped. Nicht in der Luft auf den Rahmen drücken. Ohne Unterstützung dehnst du das Vlies.


Setup-Checkliste: Vor dem Sticken
- Vlies ist trommelfest (falls es beim Platzieren nachgegeben hat: nachspannen).
- Vorderseite oben/unten sicher getaped.
- Rückseite oben/unten sicher getaped.
- Kollisionscheck: Kein Tape und keine T-Pins im Nadelweg.
Phase 4: Sticken & Zurückschneiden (Stick-and-Trim)
Die Maschine näht jetzt eine Fixiernaht („Tack-down“), die alle Lagen verbindet.

Schritt 1 — Tack-down-Naht
Sticke die Tack-down-Naht.
- Beobachtung: Wenn sich vor dem Stickfuß eine „Blase“ bildet, war die Bügelverbindung in Phase 2 nicht sauber. Wenn sicher möglich, kurz stoppen und die Stelle vorsichtig glattstreichen.
Schritt 2 — Präzises Zurückschneiden (Vorderseite)
Nimm den Stickrahmen von der Maschine (nicht ausspannen!). Nutze eine gebogene Applikationsschere.
- Aktion: Stoff/Filz so nah wie möglich an der Naht zurückschneiden, ohne Fäden zu verletzen.
- Gefühl: Verstärkter Filz schneidet sich „zäh“. Langsam, kontrolliert arbeiten – Hektik führt zu unsauberen Kanten.

Schritt 3 — Präzises Zurückschneiden (Rückseite)
Rahmen umdrehen, wieder auf Pad/Buch abstützen und die Rückseite trimmen.
- Warum die Unterstützung zählt: Drückst du beim Schneiden das Vlies nach unten, verziehst du die Passung für die finale Satinkante.
Schritt 4 — Satinkante sticken
Rahmen zurück an die Maschine und die Satinkante sticken.
- Praxis-Hinweis: Bei dicken Filzlagen lohnt sich langsameres Sticken, um Nadelablenkung zu reduzieren.
- Wichtig: Im gezeigten Workflow wird die Kante sauber abgedeckt, wenn Vlies straff bleibt und sauber getrimmt wurde.
Phase 5: Sternspitze & Schlitz-Technik
Eines der drei Panels hat einen Stern. Das ist FSL (Freestanding Lace).

Metallicgarn sauber verarbeiten
Der Stern wirkt mit Metallic-Gold am besten.
- Praxisproblem: Metallicgarn kann reißen oder ausfransen.
- Fix aus dem Video-Setup: Metallic oben, aber kein Metallic im Unterfaden – stattdessen passendes Polyester (Gold/Gelb) als Unterfaden, damit es ruhiger läuft und optisch trotzdem stimmig ist.

Garnwechsel richtig timen
Vor der finalen Satinkante am Stern-Panel: Oberfaden und Unterfaden farblich passend (Grün/Grün), damit Vorder- und Rückseite sauber aussehen.

Schlitz sauber schneiden: „Drittel-Methode“
Die Schlitze sind fürs Zusammenstecken – und der häufigste Punkt, an dem man ein fertiges Panel ruiniert.
- Warum es schwierig ist: Je tiefer du schneidest, desto enger wird der Schlitz, die Schere klemmt und der Schnitt wird schnell ausgefranst.
- Lösung: In Dritteln arbeiten.
- Ca. 1/3 hoch schneiden, dann quer einschneiden und das Stück herausnehmen.
- Nächstes Drittel, wieder quer, Stück raus.
- Letztes Drittel.
- Ergebnis: Weniger Reibung, gerader Schlitz, deutlich weniger Stress.
Phase 6: Vlies anlösen & Zusammenbau

Wasserlösliches Vlies gezielt anlösen
Die Panels nicht komplett ins Wasser legen – Filz wird sonst weich und kann sich beim Trocknen verziehen.
- Werkzeug: Pinsel + warmes Wasser.
- Aktion: Nur die Satinkante „anmalen“.
- Optik: Der weiße Film wird gelartig/transparent und verschwindet.
- Stern: Der Stern ist reines Garn – den kannst du (wie im Video) direkt ins Wasser tauchen, den Filz aber möglichst trocken halten.
Zusammenbau-Logik
Nach dem vollständigen Trocknen (bei Bedarf flach unter einem Buch trocknen lassen):
- Panel 1 (mit Stern) mit Panel 2 über die Schlitze zusammenschieben.
- Panel 3 von unten nach oben einschieben und damit die Form verriegeln.


Troubleshooting-Guide
Systematische Fehleranalyse für genau diesen Workflow.
| Symptom | Stickphase | Wahrscheinliche Ursache | Lösung |
|---|---|---|---|
| Fadennest / „Birdnesting“ | Unterseite | Maschine nicht sauber eingefädelt oder Vlies „flaggt“ (schwingt). | Neu einfädeln (Nähfuß oben). Vlies wieder trommelfest einspannen/fixieren. |
| Satinkante verfehlt die Kante | Endkante | Vlies hat sich verschoben („Hoop creep“) oder Material hat minimal gewandert. | Sofortmaßnahme: nächstes Mal konsequenter fixieren. Langfristig: Magnetrahmen 5x7 für brother reduziert Schlupf beim Floating deutlich. |
| Nadel verbiegt/bricht | Tack-down | Kollision mit T-Pin oder ungünstige Belastung durch dicke Lagen. | Pin-Position prüfen (außerhalb des Stickfelds). Nadel wechseln (75/11 frisch). |
| Baum steht schief / kippt | Zusammenbau | Filz zu weich oder Schlitz unsauber/ausgefranst geschnitten. | Steiferen Filz verwenden. Schlitz sauber in Dritteln schneiden. |
| Unterfaden blitzt an der Kante | Satinstich | Spannung nicht optimal oder Unterfadenfarbe passt nicht. | Unterfaden passend wählen (wie im Video empfohlen). Oberfadenspannung fein nachjustieren. |
Hinweis zur Effizienz bei mehreren Bäumen
Wenn du von „1 Baum“ auf „viele Bäume“ gehst, sind Einspannen und Trimmen die Zeitfresser.
- Einspannen: Viele Profis nutzen eine Einspannstation für Stickmaschinen, um Positionen zu standardisieren und Wiederholgenauigkeit zu erhöhen.
- Schneiden: SVG-Dateien sind im Workflow erwähnt. Wenn dein Schneidplotter mit dem kompletten, bereits verbundenen Sandwich kämpft: Filz und Stoff (mit Bügelvlies) separat schneiden und erst danach zusammenbügeln.
Abschluss-Checkliste: Qualitätskontrolle
- Kantencheck: Stehen irgendwo Filzfasern aus der Satinkante? (Wenn ja: vorsichtig nachtrimmen.)
- Standcheck: Steht der Baum stabil und gerade?
- Vliescheck: Fühlen sich die Kanten weich an oder „krustig“? (Wenn krustig: mit warmem Wasser punktuell nacharbeiten.)
- Sterncheck: Sitzt der Stern sauber und ist das Metallicgarn stabil? (Bei Bedarf sichern – aber nur, wenn du es in deinem Workflow ohnehin nutzt.)
Wenn du die Bügelverbindung (Bonding) und die mechanische Spannung im Stickrahmen im Griff hast, wird aus einem „rutschigen Floating-Projekt“ ein sauberer, reproduzierbarer 3D-Artikel. Viel Erfolg beim Sticken!
