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PROFI-GUIDE: ITH-Sticken auf Kork meistern (Coffee-Cozy-Projekt)
Kork ist ein kompromissloses Material. Anders als gewebte Baumwolle „schließt“ es sich nach einem Nadelstich nicht wieder. Jedes Loch bleibt dauerhaft sichtbar. Genau deshalb ist Präzision hier nicht nur „nice to have“, sondern Pflicht.
In diesem praxisorientierten Profi-Guide zerlegen wir Sues „In-The-Hoop“ (ITH) Coffee-Cozy-Projekt von Anita Goodesign in saubere Arbeitsschritte – mit Fokus auf das, was in der Produktion wirklich zählt: Passung, Stabilisierung, saubere Kanten und ein Ergebnis, das sich verkaufen lässt.
Das Projekt nutzt einen 8x12-Stickrahmen und wird komplett im Rahmen aufgebaut: Platzierung, Fixierung, Zierstiche, Motiv und die Montage von Rückseite + Gummischlaufen.

1. Technischer Überblick: Warum Kork anders behandelt werden muss
Das ist kein klassisches „einspannen und los“. Du arbeitest mit einer „Floating“-Arbeitsweise: Das Stickvlies wird eingespannt, das Material wird darüber (und später darunter) in Lagen geführt.
- Die Herausforderung: Kork verhält sich ähnlich wie Vinyl oder dünnes Leder: hohe Reibung, praktisch keine Elastizität. Wenn die Stabilisierung nachgibt, verzieht die Zug-/Schubbelastung (Push-Pull) der Satinstiche die Kante – das Teil kann sich sichtbar wölben.
- Die Kernkompetenz: Lagen-Management. Du fixierst zuerst die Vorderseite, drehst dann den Rahmen um und montierst „blind“ Gummi und Rückseite.
- Das Ziel: Ein beidseitig ordentliches Teil mit Satinkante, ohne dass das Material oder das Tearaway durch zu viele Einstiche „ausreißt“.
Wenn du gerade an Einspannen für Stickmaschine arbeitest, ist dieses Projekt ein sehr gutes Trainingsfeld für saubere Ausrichtung, kontrolliertes Fixieren und ein professionelles Finish.
2. Material-Check & „versteckte“ Verbrauchsmaterialien
Die „Must-haves“ aus dem Video
- Stickvlies: Schweres Tearaway (muss „knackig“ sein, nicht weich).
- Kork (Vorderseite): Vorgeschnitten auf 4" x 11.5".
- Kork (Rückseite): Etwas größer als das Stickfeld zuschneiden.
- Gummi/Elastic: Zwei Stücke, ca. 2,5" je Stück (als Schlaufe gefaltet).
- Garn: 40 wt Polyester (Soft Pink, Pale Green, Blau, Gelb, Lila).
- Unterfaden: Weiß (für die Konstruktion) + Pink (passend zur Randfarbe für den Abschluss).
- Maschine: Brother Luminaire 2 (oder eine Maschine mit 8x12-Fähigkeit).

„Versteckte“ Helfer (Praxis-Add-ons)
Viele Probleme entstehen nicht beim Sticken selbst, sondern weil kleine Hilfsmittel fehlen.
- Nadelwahl (wichtig): Keine Jersey-/Ballpoint-Nadel. Nimm eine 75/11 oder 80/12 Sharp/Microtex, damit die Einstiche sauber durch Kork + Klebeschicht + Vlies gehen und das Material nicht mit der Nadel „hochgezogen“ wird.
- Tape: Malerkrepp/Stick-Tape ist ideal. Im Video wird notfalls Scotch Tape verwendet – das funktioniert, aber sparsam einsetzen.
- Markierhilfe (optional): Wenn du unsicher bist, markiere dir die Position der Gummischlaufen vorab (z. B. auf dem Vlies).
Warnhinweis: Sicherheit an der Maschine. Wenn du Kork während des Stickens mit einem Stiletto flach hältst, halte die Finger deutlich weg vom Nähfußbereich. Dicke Materialien erhöhen die Belastung – im ungünstigen Fall kann eine Nadel brechen.
Vorbereitung: „Pre-Flight“-Checkliste
- Nadel-Check: Neu oder wirklich noch scharf?
- Greiferbereich: Fussel frei? (Satinstiche produzieren viel Abrieb.)
- Zuschnitt: Vorderseite exakt 4" x 11.5".
- Gummi vorbereitet: Zwei Schlaufen gefaltet, griffbereit.
- Unterfaden vorbereitet: Pinke Unterfadenspule liegt bereit.
- Werkzeuge: Gebogene Stickschere, Fadenschere, Stiletto neben der Maschine.
Step 1: Das Fundament (Einspannen & Passung)

1A. „Trommelfell“-Spannung beim Einspannen
Spanne das Tearaway-Stickvlies straff in den Stickrahmen ein. Das ist die einzige Lage, die wirklich geklemmt wird – sie trägt später alles.
Haptik-Check: Mit dem Fingernagel leicht auf das Vlies tippen.
- Fail: Dumpfer Ton, sichtbare Wellen.
- Pass: Straff, „knackig“ wie ein Trommelfell.
Praxis-Hinweis (Ergonomie & Wiederholbarkeit): Gerade bei festem Vlies ist gleichmäßiges Einspannen oft der Engpass – und in der Produktion ein echter Ermüdungsfaktor.
- Quick Fix: Antirutschmatte/Gummieinlage für mehr Grip.
- Workflow-Upgrade: Wer regelmäßig mit hohem Druck einspannen muss, arbeitet häufig mit magnetic embroidery hoop, weil die Klemmkraft gleichmäßiger anliegt und Passungsfehler durch ungleichmäßige Spannung seltener werden.
1B. Platzierungslinie = dein „Bauplan“
Design laden und den ersten Farbstopp (Platzierungslinie) direkt auf das eingespanntes Vlies sticken.

Kontrollpunkt: Du siehst ein klar definiertes Rechteck – das ist deine Landefläche.
1C. Kork „floaten“ (exakt auflegen)
Lege den vorgeschnittenen Korkstreifen über die Platzierungslinie. Im Video warnt Sue vor „Applique Chicken“ – also zu knapp zu liegen. Plane rundum Reserve ein, damit die Linie sicher abgedeckt ist.

Aktion: Ecken/Seiten mit Tape fixieren – aber so, dass du garantiert nicht in das Tape hinein stickst.
Step 2: Aufbau & Zierstiche
2A. Fixiernaht und Zurückschneiden
Sticke die Fixiernaht (Tack-down), damit der Kork sicher auf dem Vlies sitzt.
Zurückschneiden (kritischer Schritt): Rahmen aus der Maschine nehmen, aber nicht ausspannen. Mit gebogener Schere den Kork knapp an der Naht zurückschneiden.
- Technik: Die Schere flach führen und die Naht als „Führungskante“ nutzen.
- Praxis-Tipp: Beim Schneiden den Rahmen flach auf den Tisch legen, damit die Spannung im Vlies nicht verloren geht.

2B. Zickzack als „Anker“
Danach kommt die Zickzack-Umrandung (im Video in Pale Green). Sie ist Deko (Fransen-/Kanten-Effekt) und stabilisiert die Kante vor dem späteren Satinabschluss.

Hinweis aus der Praxis: Kork hat Reibung. Wenn du merkst, dass es „schwer“ läuft, reduziere die Geschwindigkeit. Im Video wird keine konkrete SPM-Zahl vorgegeben – entscheidend ist, dass die Maschine sauber durchsticht und der Transport ruhig bleibt.
2C. Hauptmotiv sticken
Jetzt das „Just Breathe“-Motiv mit den Farbwechseln sticken.

Beobachtung: Achte auf Materialhub/„Flagging“. Wenn sich der Kork anhebt, kurz stoppen und mit einem Holz-Stiletto flach halten, während der Fußbereich näherkommt.
Step 3: Montage „blind“ auf der Rückseite
Das ist der technisch anspruchsvollste Teil: Du arbeitest auf der Unterseite des Rahmens und musst sauber positionieren, ohne die Vorderseite zu verschieben.
3A. Gummischlaufen positionieren
Rahmen umdrehen. Die gefalteten Gummistücke als Schlaufen auf der Rückseite des Vlieses mit Tape fixieren.
- Ausrichtung: Die Schlaufe zeigt nach innen zur Mitte; die offenen Enden liegen zur Außenkante.
- Sitz: Nicht zu nah an der Kante – im Video wird betont, dass die Schlaufen „weit genug“ innen sitzen müssen.

3B. Rückseite auflegen („Sandwich“)
Rückseitenteil aus Kork so auflegen, dass es alles abdeckt (Motivbereich + Gummi). Mit Tape sichern, damit beim Stickvorgang nichts wandert.

Praxis-Pain-Point: Beim Umdrehen liegt der Rahmen nicht immer plan auf dem Tisch. Wenn du beim Antapen zu stark drückst, kann sich das Vlies minimal lösen oder verschieben.
Workflow-Option (bei Serienfertigung): Wenn du viele Teile hintereinander machst, wird das Umdrehen + Antapen schnell zum Zeitfresser. In solchen Fällen greifen Betriebe oft zu einem Magnetrahmen oder zu Magnetrahmen für brother-Lösungen, weil das Handling beim Wenden und Positionieren häufig einfacher und reproduzierbarer ist.
Step 4: Beidseitig sauberer Kantenabschluss
4A. Letzte Fixiernaht
Rahmen zurück an die Maschine. Vor dem Start kurz unten prüfen, dass kein Tape hochsteht und nichts am Maschinenbett hängen bleibt. Dann die Umrandung sticken, die Vorderseite + Vlies + Rückseite + Gummi zusammenfasst.

Rückseite zurückschneiden: Rahmen abnehmen und den rückseitigen Kork knapp an der Naht zurückschneiden.
- KRITISCH: Die Gummischlaufen liegen im Sandwich. Beim Schneiden das Gummi mit dem Finger zurückziehen/wegdrücken, damit du es nicht erwischst.
4B. Unterfadenwechsel für „reversible“ Optik
Weiße Unterfadenspule gegen Pink (oder passend zur Randfarbe) tauschen.

Warum? Damit die Rückseite genauso sauber wirkt wie die Vorderseite – genau das macht den Unterschied zwischen „DIY“ und „verkaufsfertig“.
4C. Satinkante sticken
Jetzt die Satinstiche rundum sticken – sie schließen die Rohkanten beider Korklagen.

Praxis-Check: Perforation am Tearaway Viele Einstiche dicht an dicht wirken wie eine Perforationslinie. In den Kommentaren wird genau das als Problem beschrieben: Das Tearaway kann vor dem letzten Satinstich bereits zu stark geschwächt sein.
- Sofortmaßnahme: Wenn du merkst, dass das Vlies nachgibt, verstärke von unten, indem du ein zusätzliches Stück Tearaway darunter „floatest“ (unterlegen), bevor du den Rand fertig stickst – das stabilisiert die letzte Runde.
Step 5: Fertigstellen
5A. „Pop-out“ und reinigen
Das Teil vorsichtig aus dem Tearaway herauslösen. Durch die vielen Einstiche sollte es sich sauber „ausdrücken“ lassen.

5B. Endkontrolle
Fadensprünge abschneiden, Satinkante prüfen, Rückseite anschauen (Unterfadenfarbe!).

Entscheidungslogik: Material & Stabilisierung
Nutze diese Logik, um das Projekt auf ähnliche Materialien zu übertragen:
Szenario A: Standard-Kork (wie im Video)
- Stickvlies: Schweres Tearaway.
- Einspannen: Vlies straff einspannen.
- Risiko: Perforation am Rand durch viele Einstiche.
Szenario B: Dünnes Vinyl / Kunstleder
- Stickvlies: In der Praxis wird oft stärker stabilisiert als mit einfachem Tearaway; viele würden hier eher zu Cutaway/Mesh greifen (in den Kommentaren wird z. B. WSS als Alternative erwähnt).
- Risiko: Material kann sich bei Satinstichen leichter verziehen.
Szenario C: Serienfertigung (50+ Stück)
- Optimierung: Unterseite so sichern, dass sie nicht wandert (Tape strategisch, sauber und ausreichend).
- Workflow: Für schnelleres, reproduzierbares Handling setzen viele auf Magnetrahmen.
Troubleshooting: Symptom → Ursache → Fix
| Symptom | Wahrscheinliche Ursache | Sofort-Fix | Vorbeugung |
|---|---|---|---|
| Kork liegt knapp / Platzierung „fast daneben“ | Zuschnitt hat wenig Toleranz; beim Auflegen zu wenig Reserve | Neu positionieren, bevor du tackst | Zuschnitt exakt 4" x 11.5" und bewusst Reserve rundum einplanen |
| Rückseite wandert | Tape zu wenig/ungünstig gesetzt; Reibung am Maschinenbett | Stoppen, mehr Tape setzen, Ecken sichern | Vor dem Start Unterseite kontrollieren, ausreichend Tape verwenden |
| Gummi abgeschnitten | Beim Zurückschneiden nicht gesehen, wo die Schlaufe liegt | Wenn möglich letzte Naht zurück, neues Gummi einsetzen | Beim Schneiden Gummi aktiv zurückziehen und langsam arbeiten |
| Tearaway reißt/perforiert vor dem Satinstich | Zu viele Einstiche schwächen das Vlies (Kommentar-Pain-Point) | Zusätzliches Tearaway unten unterlegen („floaten“) und fertig sticken | Von Anfang an stabiles Tearaway nutzen; bei Bedarf frühzeitig unterlegen |
Warnhinweis: Magnet-Sicherheit. Magnetrahmen haben sehr starke Magnete und können Haut einklemmen; außerdem sind sie für Personen mit Herzschrittmacher problematisch. Vorsichtig handhaben.
Maschinen-Checkliste (am Arbeitsplatz)
- Step 1: Platzierungslinie auf dem Vlies gestickt.
- Step 2: Kork aufgelegt; Fixiernaht gestickt; Kork zurückgeschnitten.
- Step 3: Zickzack-Umrandung fertig.
- Step 4: Hauptmotiv fertig; Fäden gekürzt.
- Step 5: RAHMEN WENDEN. Gummischlaufen getaped (Ausrichtung prüfen!).
- Step 6: Rückseitenkork aufgelegt und sicher getaped.
- Step 7: Letzte Fixiernaht gestickt; Rückseite zurückgeschnitten (Gummi frei?).
- Step 8: UNTERFADENWECHSEL. Pinke Unterfadenspule eingesetzt.
- Step 9: Satinkante fertig.
- Step 10: Auslösen („pop-out“) und Endkontrolle.
Ergebnisstandard: „Verkaufsfähig“ statt „nur fertig“
Ein wirklich gutes Ergebnis erkennst du an:
- Gleichmäßiger Satinstich: Keine schmalen Stellen an Kurven/Ecken.
- Saubere Kante: Korkkanten sind versiegelt, nichts steht ab.
- Zentrierung: Gleichmäßiger Abstand zwischen Motiv und Rand.
Wenn dir das Ergebnis gefällt, du aber das Einspannen/Handling als anstrengend empfindest (Kraftaufwand, gleichmäßige Spannung, reproduzierbare Passung), ist das ein typisches Signal aus der Praxis: Erst die Technik sauber beherrschen – und dann den Workflow mit passenden Tools wie magnetic frames effizienter machen.
Viel Erfolg beim Sticken
