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Warum Standard-Rechtecke mit Seil-Motiven in den Ecken scheitern
Das kennt man: Am Bildschirm wirkt die Seilbordüre wie ein sauberer, durchgehender Rahmen. Beim Probestick kommen dann die Ecken – und plötzlich sieht es aus wie „abgebrochen“: Lücken, Aufspreizen, unruhige Übergänge.
Der Grund ist weniger „Fehler“, sondern Logik: Eine Seilbordüre wirkt optisch kontinuierlich, ein Motif Run ist technisch aber eine Reihe wiederholter Motiv-„Stempel“, die entlang eines Pfads ausgerichtet werden. Trifft dieser Pfad auf eine harte 90°-Ecke, muss die Software ein starres Motiv schlagartig um einen extremen Winkel drehen und gleichzeitig den Abstand neu berechnen. Genau dort entstehen die typischen Problemstellen.

Die „Physik“ der 90°-Ecke
Im Video greift Gina eine sehr typische Frage auf: Warum stoppt eine Seilbordüre auf Quadrat/Rechteck in den Ecken – oder warum sieht sie dort falsch aus?
Stell dir den Pfad wie eine Fahrspur vor: Eine scharfe Ecke ist wie eine Wand. Ein Motiv kann nicht „weich“ um die Ecke fließen, wenn es sofort 90° drehen muss. Das führt zu:
- Sichtbaren Lücken: Die Seilstränge wirken getrennt.
- Unruhiger Optik: Der Blick bleibt an den Ecken hängen – gerade bei Rahmen fällt das sofort auf.
Motif-Run-Verhalten verstehen
Auf geraden Strecken ist die Berechnung simpel. In Kurven müssen Rotation (Ausrichtung des Motivs) und Abstand (Spacing) ständig angepasst werden.
Wichtig für die Praxis: Eine schlechte Ecke ist nicht nur „Kosmetik“. Wenn sich Motive ungünstig überlagern, kann lokal zu viel Dichte entstehen – das erhöht das Risiko für Fadenprobleme und unsaubere Übergänge.
Die Lösung: Kurve statt Kante
Der Standard-Trick, den Gina zeigt: Gib dem Motiv eine Kurve zum Abrollen. Wenn du die Vektorform an den Ecken auch nur leicht abrundest, hat das Motiv eine „Rampe“ statt einer abrupten Richtungsänderung.
Damit es wirklich umsetzbar bleibt, arbeiten wir exakt im gezeigten Ablauf: CorelDRAW für die Geometrie, Wilcom für die Stichgenerierung – und am Ende ein Pflicht-Check im Stitch Player, ob der Lauf wirklich durchgehend ist.
Schritt 1: Form in CorelDRAW vorbereiten
Wir bauen zuerst das „motivfreundliche“ Grundgerüst. Wenn der Pfad nicht sauber ist, werden die Stiche es auch nicht.

Rechteck zeichnen
- Modus wechseln: In den CorelDRAW-Bereich deiner Arbeitsumgebung wechseln.
- Werkzeug wählen: Rechteck-Werkzeug anklicken.
- Aktion: Das gewünschte Rechteck auf der Arbeitsfläche aufziehen.
Sichtkontrolle: Du siehst eine saubere Kontur – das ist später dein Laufweg.

Ecken abrunden (der entscheidende Hebel)
Das ist der wichtigste Schritt für eine flüssige Bordüre. Harte Spitzen lassen Seilmotive in den Ecken fast immer „auseinanderlaufen“.

- Werkzeug wählen: Shaping Tool (Knoten-/Formbearbeitung).
- Aktion: Einen Eckknoten greifen und leicht nach innen ziehen, um einen Radius zu erzeugen. Es muss keine große Rundung sein – nur genug, damit das Motiv „um die Ecke“ geführt wird.
- Praxis-Anker: Ziel ist eine weiche, kontinuierliche Richtungsänderung – kein „Knick“.
Erfolgskriterium:
- Fail: Die Ecke ist weiterhin eine harte 90°-Kante.
- Pass: Die Ecke hat einen gleichmäßigen, sanften Radius (idealerweise an allen vier Ecken konsistent).
Warnung: Behandle die Vektorform wie einen Master-Plan. Speichere eine Version vor dem Abrunden. Wenn du hier versehentlich Proportionen verziehst, wird der Rahmen später schief – das lässt sich nicht durch „mehr Vlies“ retten.
Schritt 2: Seil-Motiv in Wilcom anwenden
Jetzt wird aus der Geometrie ein Stickobjekt.
Konturtyp auswählen
- Zurück wechseln: In die Wilcom-Stickoberfläche.
- Objekt wählen: Das abgerundete Rechteck markieren.
- Umwandeln: Den Konturtyp auf Motif Run stellen.

Sichtkontrolle: Aus der Haarlinie wird eine Stichkontur. Achte darauf, dass es wirklich ein Motif Run ist (nicht Satin/Run).
Benutzerdefiniertes Motiv anwenden
Gina wählt ein konkretes „Rope“-Kettenmotiv aus der Bibliothek.

- Eigenschaften: Object Properties öffnen.
- Motiv wählen: Das Seil-/Rope-Motiv auswählen.
Typischer Moment direkt danach: Schau sofort auf die Ecken – häufig wirken sie zunächst „kaputt“: aufgespreizt, zu weit auseinander oder unruhig überlappend.

Wichtig: Das ist normal. Nicht das Rechteck neu zeichnen. Die Automatik bringt dich nah ran – die letzten Prozent sind Handarbeit und Auge.
Schritt 3: Eck-Lücken manuell korrigieren
Hier liegt der Kern der Methode: Mit dem Reshape-Werkzeug steuerst du, wie einzelne Motiv-Wiederholungen in der Ecke liegen.

Reshape-Werkzeug nutzen
- Aktivieren: Objekt auswählen und das Reshape-Symbol anklicken (in vielen Versionen auch per ‘H’).
- Zoomen: Stark in eine Ecke hineinzoomen.

Orientierung: Suche nach Rauten-Knoten (Diamond Nodes). Diese stehen für die einzelnen Motiv-Wiederholungen. Wenn du keine Rauten siehst, bist du nicht im richtigen Bearbeitungsmodus.
Rauten-Knoten verschieben
Gina schiebt die Rauten, um die optischen Lücken zu schließen.

Aktion:
- Einen Rauten-Knoten nahe der Ecke anklicken.
- Sanft entlang des Pfads verschieben.
- Beobachten, wie sich die Seilsegmente live neu anordnen.
Erfolgskriterium: Der Abstand der Seilsegmente in der Ecke soll zur Optik der geraden Seiten passen – die Bordüre soll „aus einem Guss“ wirken.
Einzelne Elemente drehen
Manchmal reicht Verschieben nicht – dann stimmt die Ausrichtung (Winkel) nicht.

Der fortgeschrittene Griff:
- Den kleinen Kreis-Handle am Motiv-Knoten finden.
- Minimal drehen, damit das Segment um die Kurve läuft, statt „von der Kante weg“ zu zeigen.
Praxis-Check: Bei Seiloptik ist „optisch geschlossen“ wichtiger als mathematisch perfekt. Du wirst ggf. bewusst minimal „tricksen“, damit es im Stickbild durchgehend wirkt.

Profi-Tipps für den Alltag (damit du nicht im Korrektur-Loop landest)
- Ecke für Ecke: Erst eine Ecke sauber machen, kurz beurteilen, dann zur nächsten.
- Regelmäßig rauszoomen: Bei 600% sieht jede Kleinigkeit dramatisch aus. Bei 100% (Realgröße) ist vieles unsichtbar. Nicht „überkorrigieren“.
Warnung: Maschinensicherheit. Wenn du später beim Probestick anhalten musst: Finger weg vom Nadelbereich. Industriemaschinen verzeihen keine Unachtsamkeit. Scheren/Clips nicht im Arbeitsbereich liegen lassen, bevor du wieder startest.
Schritt 4: Stichpfad verifizieren
Optik korrigiert – aber sind die Maschinenbefehle noch sauber? Mit dem Stitch Player prüfst du, ob du dir nicht versehentlich Stopps/Trims in die Ecken geholt hast.

Stitch Player laufen lassen
- Player öffnen: Stichsimulation starten.
- Tempo: Für den Überblick schneller laufen lassen, vor der Ecke ggf. langsamer beobachten.
„Stops and Trims“ prüfen (Pflicht!)
Gina aktiviert die Anzeige der Maschinenkommandos.
Diagnose: Achte auf Symbole/Marker (je nach Ansicht z. B. Dreiecke/Kreise) genau an den Ecken.
- Schlecht: Stop/Trim in der Ecke – die Maschine schneidet, setzt neu an, und du bekommst sichtbare Ansatzstellen.
- Gut: Der Lauf geht ohne Unterbrechung durch die Ecke.

Warum das zählt: Unnötige Trims kosten Zeit und erhöhen das Risiko, dass der Faden beim Wiederansetzen Probleme macht. Ein sauberer Lauf ist nicht nur schöner, sondern auch produktiver.
Download der Übungsdatei
Gina stellt die EMB-Datei zum Üben bereit.

Mit der Datei kannst du dein „Vorher/Nachher“ direkt mit dem gezeigten Ergebnis vergleichen.
Vorbereitung (versteckte Verbrauchsmaterialien & Pre-Flight-Checks)
Software ist Theorie – Stickerei ist Physik. Bevor du die optimierte Seilbordüre wirklich stickst, plane die realen Variablen ein. Rahmen/Bordüren sind gnadenlos: Wenn der Stoff 1 mm wandert, wirkt der Rahmen sofort schief.
Hardware-Hinweis aus der Praxis: Wenn du mit Rahmenspuren (glänzende Abdrücke) kämpfst oder rechteckige Bordüren im Standardrahmen schwer gerade zu halten sind, stößt du an Grenzen klassischer Innen-/Außenrahmen. Viele Profis wechseln bei Rahmenarbeiten auf Magnetrahmen, weil der Stoff flach gehalten wird, ohne ihn in einen Ring „zu quetschen“.
Prep-Checkliste (damit der Teststick nicht unnötig scheitert):
- Nadel-Check: Ist die Spitze sauber? Wenn sie hakt/kratzt, wechseln. Eine beschädigte Nadel macht bei Bordüren schnell Ärger.
- Unterfaden: Ist die Unterfadenspannung im Gleichgewicht? (Zugtest: gleichmäßiger Widerstand, nicht „schlabbrig“).
- Kleinteile: Liegen Schere/Snip für Sprungstiche bereit?
- Stickvlies: Passendes Vlies gewählt? (siehe Entscheidungsbaum).
- Dateiversion: Nach dem letzten Stitch-Player-Check erst ins Maschinenformat (DST/PES) exportiert?
Entscheidungsbaum: Stoff → Stickvlies + Einspann-Strategie
Bordüren „zeichnen“ den Stoff. Wenn es innerhalb des Rahmens wellt, ist das Ergebnis verloren. Nutze diese Logik:
- Ist der Stoff elastisch (T-Shirt, Polo, Strick)?
- JA: Cutaway ist Pflicht. Seilbordüren haben viele Stiche; Tearaway gibt nach und der Rahmen verzieht sich.
- Einspannen: Stoff nicht überdehnen – neutral auflegen.
- NEIN: Weiter zu Schritt 2.
- Ist der Stoff stabil (Denim, Canvas, Twill)?
- JA: Tearaway ist möglich, viele nutzen für saubere Ecken trotzdem Cutaway als sichere Basis.
- NEIN: Weiter zu Schritt 3.
- Ist die Ausrichtung kritisch (z. B. Rahmen um eine Tasche)?
- JA: Hier passieren die meisten Fehler. Standardrahmen verdrehen leichter. Eine Einspannstation für Stickmaschinen hilft, den Stoff vor dem Einspannen wirklich rechtwinklig auszurichten.
- NEIN: Für Übungsstoff reicht „nach Augenmaß“.
Setup-Notizen (Maschine & Umgebung)
Du bist bereit zu sticken – jetzt die Bedingungen auf „Erfolg“ stellen.
- Geschwindigkeit: Intuition sagt „schnell“. Für detailreiche Motif-Bordüren mit engen Richtungswechseln gilt: lieber ruhiger.
- Praxis-Startwert: 600–700 SPM.
- Warum: In Ecken steigt die Belastung; zu hohe Geschwindigkeit fördert Stoffbewegung und unruhige Passung.
- Einspannen: Wenn du Magnetrahmen für Stickmaschine nutzt, Magnete sauber aufsetzen und den Stoff flach klemmen. Der Stoff soll straff sein, aber nicht verzogen.
- Wiederholgenauigkeit: Wenn du längere Bordüren in Abschnitten sticken willst, kann ein repositionierbarer Stickrahmen helfen, weil du versetzen kannst, ohne komplett neu einzuspannen.
Warnung: Magnet-Sicherheit. Magnetrahmen sind sehr stark. Finger nicht zwischen die Magnete bringen (Quetschgefahr). Abstand zu Herzschrittmachern und empfindlicher Elektronik halten.
Setup-Checkliste:
- Maschine korrekt eingefädelt.
- Greifer-/Spulenbereich fusselfrei (bürsten, nicht ausblasen).
- Stoff liegt straff, aber ohne Verzug.
- Für den ersten Test auf ~700 SPM reduziert.
Betrieb: Der Teststick
Jetzt sticken – und dabeibleiben.
Sinnes-Check:
- Hören: Gleichmäßiger Lauf ist gut. Ein hartes „Klack“ in der Ecke kann auf Nadelablenkung oder lokale Dichte hindeuten – sofort stoppen.
- Sehen: Unterfadenbild kontrollieren. Wenn Unterfaden nach oben gezogen wird oder Oberfaden unten dominiert, stimmt die Spannung nicht.
Wenn du im Betrieb arbeitest, zählt jede Minute. Klassische Rahmen brauchen beim sauberen Einspannen oft deutlich länger. Stickrahmen für Stickmaschine mit magnetischer Klemmung können den Ablauf beschleunigen – besonders bei Serien.
Troubleshooting (Symptom → Diagnose → Fix)
Schnell eingrenzen statt raten.
| Symptom | Wahrscheinliche Ursache | Fix (niedrige Kosten → höhere Kosten) |
|---|---|---|
| Eck-Lücke bleibt sichtbar | Digitalisierproblem | Zurück zu Reshape: Eck-Motiv minimal nach innen drehen, bis die Optik schließt. |
| Maschine „kämpft“ in der Ecke / Stopper | Zu hohe lokale Dichte | Motive überlappen zu stark: Rauten-Knoten etwas auseinanderziehen. |
| Rahmenspuren (Abdrücke) | Zu hoher Druck beim Einspannen | Stoff dämpfen oder auf hoopmaster / Magnetrahmen umsteigen, die den Druck besser verteilen. |
| Rechteck wird trapezförmig | Stoff beim Einspannen verzogen | Beim Einspannen nicht ziehen; stärkeres Cutaway nutzen oder eine hoopmaster Einspannstation für reproduzierbare Ausrichtung. |
| Fadenriss in der Ecke | Reibung/Belastung im Richtungswechsel | Geschwindigkeit reduzieren (z. B. 600 SPM) und Nadel wechseln. |
Ergebnis: Woran du „fertig“ erkennst
Eine gelungene Seilbordüre:
- Fließt: Das Auge „stolpert“ nicht an den Ecken.
- Liegt flach: Keine Wellen/kein Einziehen innerhalb des Rahmens.
- Bleibt formstabil: Ein Rechteck bleibt ein Rechteck.
Wenn du das Abrunden der Ecken in CorelDRAW mit der gezielten Handarbeit im Wilcom-Reshape kombinierst – und anschließend den Lauf im Stitch Player verifizierst – wird aus einer „zickigen“ Motif-Idee eine produktionsfähige Bordüre.
Hinweis für Shops mit Stückzahlen: Wenn die Digitalisierung sitzt, aber die Platzierung auf Kleidung trotzdem schwankt, lohnt sich ein Blick auf hoopmaster oder ähnliche Ausricht-Hilfen. Die beste Datei der Welt kann ein schiefes Einspannen nicht kompensieren.
