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Benötigte Hilfsmittel für die Bernina-Wartung
Die regelmäßige Pflege im Greiferbereich ist bei der Bernina 790 eine der Maßnahmen mit dem besten „Return on Investment“. Sie entscheidet oft darüber, ob die Maschine ruhig läuft – oder mitten in einem anspruchsvollen Stickmotiv Fadennester produziert. Sauberkeit reduziert flusenbedingte Spannungsprobleme, sorgt dafür, dass der Fadenabschneider zuverlässig arbeitet, und hält den B9-Greifer leichtgängig.
In dieser Anleitung zerlegen wir die Abfolge so, wie sie in der Praxis funktioniert: Was du zuerst abnimmst, was du ausbürstest, wo genau du ölst (Präzision vor Menge) und wie du prüfst, ob der Magnetgreifer wirklich korrekt „sitzt“.

Das Werkzeug-Set
Im Video werden die Basics gezeigt – als Leitfaden ergänze ich die „unsichtbaren“ Helfer, die Fehler und Verschmutzungen im Alltag verhindern.
Kernwerkzeuge (im Video gezeigt):
- Ölpen/Ölspender (wie ein Stift): Du brauchst punktgenau einzelne Tropfen – keinen Ölfilm.
- Flusenpinsel (Lint Brush): Zum trockenen Ausbürsten von Fusseln und Fadenresten.
- Nähmaschinenöl: Klares, dünnflüssiges Öl für Näh-/Stickmaschinen.
Zusätzliche Helfer (Praxis-Sicherheitsnetz):
- Feine Fadenschere / Micro-Tip Snips: Um Fadenreste am Cutter gezielt zu entfernen (Finger sind dafür zu grob).
- Papiertuch / fusselfreies Tuch: Zum Abwischen, falls doch zu viel Öl austritt.
- Arbeitslicht: In der Greiferbahn sieht man Fusseln sonst nicht – eine helle LED direkt in den Greiferraum wirkt Wunder.
- Magnet-Schälchen: Damit Stichplatte & Kleinteile nicht „unter dem Tisch verschwinden“.
Warnhinweis: Risiko durch Nadel & Cutter. Unter der Stichplatte sitzen scharfe Kanten (Fadenabschneider) und ggf. Grate an der Nadel. Nicht blind mit Kraft in Ecken drücken. Sanft bürsten, Finger vom Cutter fernhalten und festsitzende Fäden lieber mit Snips lösen statt zu reißen.
Vorbereitung (Pre-Flight-Check)
Bevor du irgendetwas abnimmst: Arbeitsplatz und Ablauf so vorbereiten, dass keine Teile verloren gehen und nichts in die Maschine fällt.
- Unterlage: Tisch ist eben, frei und gut ausgeleuchtet.
- Werkzeuge: Ölpen und Flusenpinsel liegen griffbereit.
- Sicherheit: Nadel in höchste Position; Stickmodul abnehmen (falls montiert).
- Organisation: Ablageplatz/Schale für Stichplatte und Nähfuß ist bereit.
- Sauberkeit: Hände sauber (kein Fettfilm auf Gehäuse/Bedienflächen).
Arbeitsbereich freilegen (Demontage)
Wir halten eine feste Reihenfolge ein: erst Platz schaffen, dann Mechanik freilegen. So vermeidest du ungünstige Winkel, Hantieren „auf Spannung“ und das Risiko, etwas in die Maschine zu drücken.

Nähfuß abnehmen
Ziel: Freie Sicht und Bewegungsraum für das Abnehmen der Stichplatte.
Vorgehen:
- Nadel in die höchste Position bringen.
- Den Hebel/Schieber am Nähfußhalter nach oben bewegen.
- Nähfuß vollständig abnehmen.
Praxis-Check: Du hast eine freie, ungehinderte Sicht auf die Stichplatte.

Stichplatte entriegeln
Ziel: Transporteur und Greiferbereich zugänglich machen.
Vorgehen:
- Die Markierung „Zielscheibe/Bullseye“ auf der Stichplatte finden.
- Nach unten drücken – dadurch löst sich die Verriegelung.
- Die Stichplatte nach oben abheben.
Profi-Hinweis: Nicht mit Schraubendreher hebeln. Die Platte ist für die Entriegelung per Druckpunkt konstruiert. Wenn sie klemmt, ist häufig Flusen/Schmutz im Verriegelungsbereich die Ursache – erst reinigen, dann erneut drücken.
Spulen- und Greifersystem reinigen
Das ist der Kern der Routine: Du entfernst „verdichtete“ Flusen – also Fasern, die sich zu einem filzartigen Belag zusammenpressen und Bewegungen sowie Sensorik stören können.

Stichplatte & Nadeldurchstich reinigen
Vorgehen:
- Unterseite der Stichplatte kontrollieren.
- Mit dem Pinsel die Schlitze über dem Transporteur und das Nadelloch ausbürsten.
Ergebnis-Kriterium: Metallflächen wirken sauber, ohne graue Fusselpolster in den Ecken.

Spulenkapsel entnehmen und reinigen
Vorgehen:
- Spulenabdeckung öffnen.
- Den Entriegelungshebel nach innen drücken, bis die Spulenkapsel „herausspringt“.
- Spule aus der Kapsel nehmen.
- Innen reinigen: Den gesamten Innenumfang der schwarzen Spulenkapsel gründlich ausbürsten.
Praxis-Check: Innen sollte es glatt und frei von Krümeln/Flusen sein – jede Rauigkeit oder Schmutzpartikel können die Unterfadenspannung unruhig machen.

Greiferbahn öffnen & Magnetgreifer herausnehmen
Vorgehen:
- Den Hebel links am Greiferbereich lokalisieren.
- Hebel drücken – die Abdeckung der Greiferbahn klappt nach unten.
- Den Greifer in der Mitte fassen und vorsichtig zu dir herausziehen. Er wird magnetisch gehalten, nicht verschraubt.
Praxis-Check: Du spürst einen leichten magnetischen Widerstand, dann löst sich der Greifer.

Tiefenreinigung: Greifer, Bahn, Transporteur und Cutter
Vorgehen:
- Greifer: Vorder- und Rückseite ausbürsten/abwischen; bei Bedarf mit sauberem Tuch nachpolieren.
- Greiferbahn (Innenraum): Flusen komplett entfernen – besonders in den hinteren Ecken sammelt sich gern „grauer Filz“.
- Fadenabschneider: Unbedingt prüfen. Fadenreste können sich im Cutterbereich festsetzen. Diese mit Snips gezielt herausziehen.


Profi-Hinweis: Flusen sind nicht nur „Optik“. Im Cutterbereich binden sie altes Öl und werden zu einer klebrigen Paste – das blockiert das Messer. Wenn der automatische Fadenabschneider zickt, ist sehr oft genau das die Ursache.
Wo du die Bernina 790 ölst
Bei Bernina gilt: Es gibt definierte Schmierpunkte. Mehr Öl ist nicht besser. Zu viel Öl zieht Flusen an und kann wie Schleifpaste wirken.

Punkt 1: Roter Filzpunkt (Reservoir)
Vorgehen:
- Den kleinen roten Filzpunkt lokalisieren.
- Genau einen Tropfen Öl auftragen.
- Intervall: Alle 8 Stunden Nähen oder Sticken.
Sichtkontrolle: Der Filz wirkt dunkler/feucht, aber nicht „nass glänzend“.

Punkt 2: 6-Uhr-Position in der Greiferbahn
Vorgehen:
- In die Greiferbahn (Innenraum) schauen.
- Einen sehr kleinen Tropfen auf die Metalllaufbahn bei „6 Uhr“ (unten mittig) geben.
Warnhinweis: Überölungs-Risiko. Nicht fluten und den Ölpen nicht zu stark drücken. Wenn Öl steht oder läuft, war es zu viel: sofort mit Papiertuch abnehmen. Überschüssiges Öl wird sonst beim nächsten Lauf auf dein Projekt geschleudert.
Zusammenbau & Ausrichtung
Hier entstehen die meisten Unsicherheiten. Wenn du die „Sensorik“ eines korrekt sitzenden Systems kennst, wird der Zusammenbau schnell und stressfrei.
Magnetgreifer ausrichten
Vorgehen:
- Greifer am Mittelstift zwischen Daumen und Zeigefinger halten.
- Orientierung: Die spitze/triangelförmige Markierung muss nach oben zeigen (12-Uhr-Position).
- Die zwei Schlitze auf der Rückseite des Greifers mit den Metallnasen in der Maschine ausrichten.

Der „Magnet-Snap“
Vorgehen:
- Den Magneten arbeiten lassen: nur führen, nicht drücken.
- Bei korrekter Ausrichtung zieht er sich spürbar in Position.

Praxis-Check: Ein klarer „Klick“ ist spür-/hörbar. Der Greifer sitzt fest und wackelt nicht. Abschluss: Abdeckung der Greiferbahn wieder hochklappen, bis sie einrastet.
Spulenkapsel wieder einsetzen
Vorgehen (detailliert):
- Spulenlage: Die Jumbo-Spule so einlegen, dass die silberne Metallseite zur Spulenkapsel zeigt (silberne Seite nach innen).
- Spule einlegen.
- Fadenweg: Faden durch den Schlitz führen, unter die Spannungsfeder und durch die Führung.
- Kapsel einsetzen: Darauf achten, dass das Metallteil/der Steg waagerecht (links–rechts) steht, dann einführen.


Praxis-Check: Du musst ein deutliches Einrasten fühlen. Wenn es federnd wirkt oder nicht klickt: wieder herausnehmen und erneut sauber ausrichten.
Final schließen
Vorgehen:
- Fadenende am integrierten Cutter abschneiden.
- Spulenabdeckung schließen.
- Stichplatte: Vorn zuerst einhaken, dann hinten die Ecken nach unten drücken, bis sie einrastet.
- Nähfuß wieder anbringen.

Checkliste nach dem Zusammenbau (Verifikation)
- Greifer: Spitze steht auf 12 Uhr und wird magnetisch gehalten.
- Abdeckung: Greiferbahn-Abdeckung ist eingerastet.
- Spule: Silberne Seite zeigt nach innen; Faden korrekt unter der Spannungsfeder.
- Spulenkapsel: Sitzt fest eingerastet.
- Stichplatte: Liegt plan auf, ohne zu kippeln.
Grundlagen (Greifer + was du hier wirklich lernst)
Wenn die Maschine „klackert“ oder der Fadenabschneider eher reißt als schneidet, ist das Problem meist nicht digital – sondern mechanisch. Diese Routine reinigt die „Engstellen“ im Unterbereich.
Wartung ist aber nur die halbe Miete. Wenn deine Maschine perfekt läuft, du aber beim Einspannen ständig Zeit verlierst, optimierst du an der falschen Stelle. Sobald diese Pflege sitzt, ist der nächste große Hebel im Workflow oft das Einspannen – z. B. mit einem Magnetrahmen.
Vorbereitung (mit Entscheidungspunkten und Upgrade-Pfaden)
Nutze vor dem nächsten Projekt diese einfache Logik, damit du nicht gegen dein Equipment arbeitest.
Entscheidungsbaum: Wartung vs. Workflow-Tool
Szenario A: „Maschine ist laut / Cutter funktioniert nicht“
- Diagnose: Mechanische Blockade/Verschmutzung.
- Lösung: Reinigungsroutine wie oben durchführen.
Szenario B: „Maschine läuft gut, aber Einspannen dauert ewig / ich bekomme Rahmenabdrücke“
- Diagnose: Workflow-Engpass beim Einspannen.
- Lösung: Einspanntechnik/Stickrahmen-Technologie upgraden.
Tool-Upgrade-Pfad
Wenn du in Serie produzierst oder empfindliche Materialien veredelst, sind klassische Schraubrahmen oft ein Flaschenhals. Sie ermüden die Hände und hinterlassen Rahmenabdrücke.
- Problem: Schraubrahmen brauchen Kraft und markieren das Material.
- Lösung: Magnetrahmen für bernina klemmen den Stoff schnell und gleichmäßig per Magnetkraft.
- Kompatibilität: Achte darauf, Magnetrahmen für bernina Stickmaschinen zu wählen, die zur Greifer-/B-Hook-Freigängigkeit passen.
Warnhinweis: Magnet-Sicherheit. Starke Magnetrahmen können Finger einklemmen. Außerdem können sie Herzschrittmacher beeinflussen und Magnetstreifen (z. B. Karten) beschädigen. Flach lagern, Abstand zu sensibler Elektronik halten und nicht in Kinderhände geben.
Ablauf (SOP mit Checkpoints)
Für den Alltag hilft eine kurze Standardroutine.
Die 10-Minuten-Routine
- Freilegen: Nähfuß & Stichplatte ab.
- Ausbürsten: Stichplatte unten & Transporteur.
- Entnehmen: Spulenkapsel & Greifer raus.
- Tiefenreinigen: Greiferbahn & Cutter (auf Fadenreste prüfen!).
- Ölen: 1 Tropfen auf roten Filz; 1 Tropfen bei 6 Uhr.
- Einsetzen: Greifer (12 Uhr) -> Abdeckung schließen.
- Einlegen: Spule (Silber innen) -> Spulenkapsel -> Maschine.
- Verriegeln: Stichplatte (vorn einhaken, hinten einrasten) -> Nähfuß.
Go/No-Go-Check (Final)
- Roter Filz: Feucht (1 Tropfen), nicht überflutet.
- Greiferbahn: 1 Tropfen bei 6 Uhr.
- Greifer: Sicher eingerastet.
- Cutter: Frei von Fadenresten.
- Lauf: Handrad läuft ruhig, ohne Schleifgeräusch.
Qualitätskontrolle (Nacharbeit vermeiden, Stichqualität schützen)
Nach jeder Wartung gilt: „Vertrauen ist gut, prüfen ist besser.“
Der Sicherheitsstich: Nähe kurz (ca. 10 Sekunden) einen Geradstich auf einem Stoffrest.
- Warum? So wird ggf. überschüssiges Öl aus dem Bereich „freigenäht“, bevor es dein eigentliches Teil verschmutzt.
- Hörtest: Der Lauf sollte gleichmäßig und weich klingen – nicht hart oder klappernd.
Hinweis zur Produktion: Wenn die QC passt, du aber den Setup-Prozess pro Shirt trotzdem als Zeitfresser erlebst, lohnt sich eine Magnetische Einspannstation. Eine gute hooping station for embroidery machine sorgt für reproduzierbare Platzierung und macht aus „Trial & Error“ einen wiederholbaren Prozess.
Troubleshooting (Symptom → Ursache → Lösung)
Strukturiertes Vorgehen verhindert, dass du wahllos Einstellungen änderst, obwohl die Lösung mechanisch simpel ist.
| Symptom | Wahrscheinliche Ursache | Konkrete Lösung |
|---|---|---|
| Cutter blockiert / Knotenbildung | Fadenreste unter dem Transporteur bzw. im Messerbereich. | Stichplatte abnehmen; mit Snips alte Fadenenden im Cutterbereich gezielt entfernen. |
| Greifer lässt sich nicht einsetzen | Falsche Ausrichtung (nicht auf 12 Uhr). | Greifer herausnehmen; so drehen, dass die Spitze exakt senkrecht nach oben zeigt; erneut einsetzen. |
| Ölflecken auf dem Stoff | Überölt (mehr als 1 Tropfen). | Auf Stoffrest nähen, bis kein Öl mehr austritt; ggf. überschüssiges Öl vorher abtupfen. |
| „Check Bobbin“-Fehler | Spule falsch herum eingesetzt. | Sicherstellen, dass die silberne Metallseite zur Spulenkapsel zeigt (Sensorik liest diese Seite). |
| Lautes Klicken | Greiferbahn-Abdeckung nicht eingerastet. | Spulenbereich öffnen; Abdeckung nach oben drücken, bis sie hörbar einrastet. |
Ergebnis
Du hast jetzt eine Wartung auf „Werkstatt-Niveau“ am Greifer- und Spulenbereich deiner Bernina 790 durchgeführt. Wenn du dich an die 12-Uhr-Regel für den Greifer und die Silber-Seite-nach-innen-Regel für die Spule hältst, eliminierst du einen großen Teil typischer Bedienfehler.
Merke: Wartung schützt die Maschine – Workflow-Tools schützen deine Zeit und Nerven. Wenn du beim Einspannen schneller werden willst, schau dir einen kompatiblen Magnetrahmen für bernina oder einen snap hoop für bernina an. Die Kombination aus sauberer Maschine und passendem Einspann-Setup macht aus Reibung einen stabilen Produktionsfluss.
