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Was ist „Auto Fabric“ in Hatch?
Auto Fabric in Hatch ist nicht einfach nur ein Dropdown – eher eine digitale Rezeptkarte bzw. ein „Startmotor“ fürs Digitalisieren. In der Küche würdest du einen Kuchen nicht bei derselben Temperatur backen, bei der du ein Hähnchen brätst. Genauso gilt in der Stickerei: Auf einem flauschigen Handtuch kannst du nicht mit denselben Einstellungen sticken wie auf einer steifen Jeansjacke.
Wenn du in Hatch einen Stofftyp auswählst, lädt die Software ein Paket an entscheidenden Parametern vor – vor allem Dichte/Abstände, Unterlagen und Ausgleichswerte gegen Push/Pull-Verzug. Sue von OML Embroidery beschreibt das im Video als eine Art Template-System: Du startest nicht jedes Mal bei null und musst Füllungen, Satins und Schrift nicht bei jedem neuen Design wieder „technisch neu erfinden“.
Kernaussage aus der Praxis: Auto Fabric ist ein System, das du an deine Realität anpassen solltest. Die Standardprofile sind „sichere Durchschnittswerte“ – sie kennen aber weder dein konkretes Piqué, noch deine Garnstärke, noch deine Einspann-Routine. Wenn du einmal einen wirklich sauberen Probestick auf einem schwierigen Polo hinbekommen hast, speicherst du diesen Erfolg als Profil – und kannst ihn später reproduzieren, ohne zu raten.

Warum du eigene Stoffprofile brauchst
Wenn du regelmäßig digitalisierst und stickst, ist der versteckte Feind von Marge und Nerven: Inkonstanz. Mal denkst du daran, Pull Compensation zu erhöhen – mal nicht. Ein Design wirkt knackig, das nächste „matschig“ oder versinkt im Material.
Eigene Auto-Fabric-Profile lösen genau das, indem sie deine Best-Practice-Einstellungen als wiederverwendbare Basis speichern. Das nimmt dir die „Gedächtnisarbeit“ ab.
Sues Beispiel dreht sich um ein Piqué-Strickshirt (klassisches Polo-Material). Piqué ist für viele knifflig, weil es dehnbar und strukturiert ist (die typische „Waffel“-Oberfläche). Stiche verschwinden gern in den Vertiefungen. Ziel ist ein Piqué-Profil, das sie an die Praxis anpasst und dann immer wieder nutzt.
Das ist auch die Antwort auf eine typische Frage aus der Praxis: „Woran orientiere ich mich bei Caps? Manche sticken super, andere gar nicht – ich hatte Auto Fabric einfach auf Cotton gelassen.“ Caps unterscheiden sich extrem (unstrukturiert vs. steif mit Buckram). Wenn du hier auf „Cotton“ stehenbleibst, sind Fadenrisse, Nadelstress und unsaubere Ergebnisse vorprogrammiert. Die Methode unten (Klonen → testen → verfeinern) ist genau dafür gedacht.
Realitätscheck (Produktion): Software-Einstellungen sind nur die halbe Miete. Ein perfektes Profil rettet keinen schlechten Einspannjob. Das Material muss sauber und gleichmäßig im Stickrahmen sitzen. Wenn du mit verrutschenden Maschenwaren oder Rahmenspuren/Rahmenabdrücken kämpfst, gehört sauberes Einspannen für Stickmaschine zur gleichen „Konsistenz-Kette“. Physische Bewegung lässt sich nicht komplett per Software kompensieren.

Schritt-für-Schritt: Ein „Custom Piqué“-Profil erstellen
Dieser Ablauf folgt Sues Vorgehen – ergänzt um praktische Kontrollpunkte, damit du sicher bist, dass die Einstellungen auch wirklich „greifen“.
Schritt 1 — Auto-Fabric-Manager öffnen
Um an die Stoffprofile zu kommen, gehst du in Hatch oben in die Menüleiste:
- Software Settings anklicken.
- Manage Auto Fabrics auswählen.
Jetzt öffnet sich das Verwaltungsfenster mit den vorhandenen Standardprofilen (z. B. Jersey, Fleece, Pure Cotton usw.).

Schritt 2 — Neues Profil auf Basis eines vorhandenen Stoffes anlegen
Nicht bei null starten: In der Praxis ist es deutlich sicherer, ein nahes Profil zu kopieren und anzupassen.
- Create… anklicken.
- Neues Profil benennen: Custom Pique. (Je konkreter, desto besser – „My Fav Polo“ ist hilfreicher als „New Fabric“.)
- Im Dropdown Based on: Pique auswählen.
- OK.
Dieses „Klonen & Anpassen“ gibt dir ein stabiles Grundgerüst: Hatch bringt bereits „Knit-Logik“ mit (Dehnung/Verzug), und du verfeinerst nur noch.

Schritt 3 — Tatami / Embossed Fill einstellen
Diese Werte steuern große Flächen (Füllstiche). Auf Piqué können Stiche bei ungünstigen Werten in der Struktur „versinken“.
Im Fenster Fabric Settings auf den Tab Tatami / Embossed Fill wechseln. Zielwerte (aus dem Video als Kopiervorlage):
- Stitch Length: 4.00 mm.
- Spacing: 0.40 mm.
- Underlay Type: Edge Run + Tatami.
Warum das funktioniert: Der Edge Run stabilisiert die Kante (wie eine „Schiene“), damit die Fläche nicht nach innen „sägt“. Die Tatami-Unterlage wirkt wie ein Boden, der die Piqué-Struktur glättet, damit die Oberstiche sauberer aufliegen.




Schritt 4 — Satin konfigurieren (und Pull Compensation prüfen)
Jetzt auf den Tab Satin wechseln. Hier liegen die Stellschrauben für Konturen, Schriften und Satinsäulen – also genau das, was optisch „scharf“ sein muss.
Zielwerte (aus dem Video):
- Auto Spacing: 90%.
- Underlay Type: Edge Run + Zigzag.
- Pull compensation: 0.20 mm.
Praxis-Check: Pull Compensation macht Satinsäulen digital etwas „breiter“, damit sie nach dem realen Zusammenziehen im Stoff wieder die gewünschte Endbreite haben. Gerade auf dehnbaren/strukturierten Materialien ist das der Unterschied zwischen „sauberer Kante“ und sichtbaren Lücken.
- Als Orientierung im Video-Kontext: 0.20 mm ist der gesetzte Wert.
- Erfolgskriterium: Die Kanten der Satinsäule wirken gerade und klar – nicht ausgefranst und nicht in die Piqué-Vertiefungen gezogen.





Schritt 5 — Stabilizer-Empfehlung im Profil speichern
Zum Tab Stabilizer wechseln. Dort gibt es ein Textfeld – das ist in der Praxis Gold wert, weil du (oder jemand im Team) später nicht mehr raten musst.
Sue zeigt, dass du hier klare Notizen hinterlegen kannst, z. B.:
- „Tear Away x 2“
- oder als Alternative für T-Shirts/feine Ware: Cutaway
Shop-Denke: Behandle dieses Feld wie eine kleine Arbeitsanweisung. Wenn du die Datei später erneut öffnest, steht die Materialvorbereitung direkt im Profil.

Schritt 6 — Prüfen, ob das Profil in der Liste auftaucht
Zurück im Manager-Fenster durch die Liste scrollen und kontrollieren, ob Custom Pique vorhanden ist. Aktion: Einmal anklicken und kurz gegenprüfen, ob die Änderungen übernommen wurden.

Deep Dive: Pull Compensation und Unterlage richtig einordnen
Das Video zeigt dir, wo du klickst – hier ist die „Mechanik“ dahinter, warum genau diese beiden Bereiche so viele Fehlschläge verhindern.
Warum Unterlage dein Stoff-Kontrollsystem ist
Unterlage ist das Fundament. Ohne Fundament sinkt das „Haus“ ein – besonders auf strukturierten oder voluminösen Materialien.
- Zu wenig/keine Unterlage: Stiche versinken, Stoff scheint durch, Kanten wirken unruhig.
- Passende Unterlage: Sie drückt Struktur/Flor an, stabilisiert Kanten und schafft eine gleichmäßigere Oberfläche für den Oberfaden.
Für Piqué im gezeigten Setup:
- Edge Run: Fixiert den Randbereich und reduziert das „Einziehen“.
- Zigzag/Tatami: Glättet die Oberfläche, damit die Deckstiche gleichmäßiger wirken.
Warum Pull Compensation bei Satinkanten so entscheidend ist
Stickerei ist immer ein Zug-/Gegenzug-System: Der Faden zieht zusammen, das Material gibt nach. Auf Piqué (dehnbar) wird die Satinsäule schnell schmaler als geplant.
- Einstellung im Video: 0.20 mm Pull Compensation.
- Effekt: Hatch digitalisiert die Säule breiter, damit sie nach dem realen Zusammenziehen wieder die Zielbreite erreicht.
Warnhinweis: Pull Compensation ist kein „Fett-Regler“. Wenn du ohne Test stark erhöhst, riskierst du Verzug und harte Kanten. Änderungen immer kontrolliert testen.
Praxisfragen: Caps und „mystery materials“
In den Kommentaren kamen Fragen zu Caps und auch Neopren. Das Prinzip bleibt gleich: Klonen → testen → verfeinern.
- Caps: Basisprofil wählen, das eher „stabil/schwer“ ist (z. B. Denim/Heavy Canvas als Ausgangspunkt) und dann testen. Im Video wird außerdem sichtbar, dass im Satin-Bereich auch andere Unterlagen (z. B. Center Run) auswählbar sind – das ist genau die Art Stellschraube, die man für Caps typischerweise ausprobiert.
- Neopren: Ein dickeres, „squishy“ Material – als Ausgangspunkt bietet sich ein Profil an, das in Richtung Volumen geht (z. B. Fleece als Basis) und dann über Tests angepasst wird.
Hardware-Hinweis (Caps): Wenn die Cap im Rahmen „flaggt“ (hochfedert), helfen Softwarewerte nur begrenzt. Dafür braucht es einen passenden Kappenrahmen. In der Praxis greifen viele dafür zu einem Kappenrahmen für Stickmaschine, weil er die Cap stabiler führt.
Stabilizer-Notizen für spätere Jobs sinnvoll nutzen
Sue tippt „Tear Away x 2“ in das Profil. Damit du daraus eine wiederholbare Routine machst:
Mini-Check: Was du vor dem ersten echten Auftrag testest
- Material identifizieren: Ist es wirklich Piqué (Waffelstruktur) oder eher Jersey (T-Shirt-Strick)?
- Stabilizer-Notiz lesen: Steht dort „Tear Away x 2“ oder „Cutaway“ – und hast du genau das am Platz?
- Probestick auf Originalware: Nicht auf „ähnlichem Stoff“, sondern auf einem Reststück oder einem identischen Shirt.
- Kanten prüfen: Satinkanten gerade? Wenn nicht, Pull Compensation im Rahmen deiner Tests anpassen.
Primer (So setzt du das im echten Workflow ein)
Der Ablauf ist in der Praxis ein Kreislauf:
- Profil wählen: Design öffnen → Auto Fabric „Custom Pique“ anwenden.
- Kurz prüfen: Werden die Parameter übernommen (Unterlage/Dichte/Pull Comp)?
- Physischer Test: Einspannen und Probestick auf echter Ware.
- Bewerten: Deckung, Kanten, Verzug.
- Verfeinern: Bei Bedarf zurück in die Auto-Fabric-Einstellungen, anpassen, speichern.
So werden „Zufallstreffer“ zu wiederholbaren Standards.
Setup (Damit das Profil projektübergreifend funktioniert)
Profile benennen wie in der Produktion
„Custom Pique“ ist okay. Noch besser sind Namen, die dir später sofort sagen, was Sache ist (Material + Einsatz + Stabilizer-Logik).
- Schlecht: „New Settings 2“
- Besser: „Jersey Tee-Cutaway“
Entscheidungshilfe: Stoff → Stabilizer-Notiz in Hatch
Orientiere dich an der Materialeigenschaft (genau das ist die Logik hinter Auto Fabric):
- Leicht/instabil (T-Shirt/Jersey)
- Notiz: Cutaway (wie im Video als sinnvolle Option für dünne Shirts erwähnt).
- Mittel/strukturiert (Piqué Polo)
- Notiz: „Tear Away x 2“ (Sues Beispiel) – und ggf. als Alternative „Cutaway“ für mehr Stabilität.
- Schwer/stabil (Denim/Canvas)
- Notiz: Tearaway als Ausgangspunkt.
Rahmenspuren/Rahmenabdrücke: Selbst mit passendem Vlies können klassische Stickrahmen auf empfindlichen Materialien sichtbare Abdrücke hinterlassen. In solchen Fällen steigen viele Betriebe auf Magnetrahmen für Stickmaschine um, weil sie das Material gleichmäßiger klemmen und das Einspannen oft schneller und schonender wird.
Setup-Checkliste (bevor du damit Kundenware stickst)
- Profil vorhanden: „Custom Pique“ ist in der Liste sichtbar.
- Tatami-Check: 4.00 mm / 0.40 mm / Edge Run + Tatami.
- Satin-Check: Auto Spacing 90% / Edge Run + Zigzag / Pull compensation 0.20 mm.
- Stabilizer-Notiz: Textfeld ist ausgefüllt.
- Erster Probestick: Ein Testlauf vor Serienstart.
Operation (Profil nutzen, ohne neue Fehler einzubauen)
Checkpoints während des Digitalisierens
Ein gespeichertes Profil ersetzt nicht den Blick aufs Design:
- Design laden: Profil anwenden.
- Sichtprüfung: Unterlage/Edge Run im Design nachvollziehen (je nach Ansicht/Optionen in Hatch).
- Abstandsprüfung bei Schrift: Wenn Pull Compensation erhöht wird, können Buchstaben optisch „zusammenrücken“ – dann Laufweite/Kerning prüfen.
Effizienz-Hinweis aus der Praxis
Sue betont zu Recht: Ein Profil spart Zeit, weil viele Parameter in einem Klick gesetzt werden. Wenn dein Engpass aber vom PC zur Maschine wandert, lohnt ein Blick auf die Hardware-Seite:
- Level 1: Mehr Stickrahmen vorbereiten, während die Maschine läuft.
- Level 2: Eine Einspannstation für Stickmaschinen nutzen, um Shirts schneller und reproduzierbarer einzuspannen.
Magnet-Sicherheitswarnung: Magnetrahmen können sehr stark sein und Finger einklemmen. Immer kontrolliert schließen und zum Trennen seitlich auseinander schieben (nicht „abhebeln“). Abstand zu empfindlicher Elektronik und medizinischen Implantaten halten.
Operation-Checkliste (bei jedem neuen Materiallauf)
- Profil gewählt: Nicht versehentlich auf „Cotton“ stehen lassen.
- Unterlage geprüft: Satin-Unterlage wie vorgesehen.
- Vlies vorhanden: Stabilizer-Notiz lesen und Material bereitstellen.
- Einspann-Check: Material sitzt sauber im Stickrahmen.
Qualitätskontrolle (Woran du „gut“ erkennst)
- Optik (Kanten): Satinkanten gerade und geschlossen? Wenn Kanten „ausfransen“/Lücken zeigen, Pull Compensation prüfen.
- Haptik (Steifheit): Füllflächen nicht „panzerartig“ hart? Wenn doch, Dichte/Spacing prüfen.
- Deckung: Scheint Stoff durch, kann Dichte/Auto Spacing oder Unterlage der Hebel sein.
Wenn Kreise oval werden oder das Motiv insgesamt verzieht, ist die Ursache sehr oft Einspannen, nicht Software. Wenn dir gleichmäßiges Einspannen schwerfällt, kann eine Magnetrahmen Anleitung helfen, weil die Klemmkraft gleichmäßiger wirkt als bei klassischen Ringen.
Troubleshooting
Problem: Du findest deinen Stoff nicht in der Standardliste
- Symptom: Du willst auf Spandex oder Neopren arbeiten, aber Hatch bietet keinen passenden Eintrag.
- Wahrscheinliche Ursache: Hatch liefert Baselines, keine vollständige Materialbibliothek.
- Lösung: Nach Eigenschaften vorgehen: Dehnbar → „Jersey“ als Basis. Dick/voluminös → „Fleece“ als Basis. Steif → „Canvas“ als Basis. Dann umbenennen und testen.
Problem: Caps sticken schlecht, wenn Auto Fabric auf „Cotton“ bleibt
- Symptom: Fadenrisse/Nadelstress oder das Motiv wirkt schief.
- Wahrscheinliche Ursache: Caps sind gebogen und oft steif; sie neigen zum „Flagging“.
- Lösung:
- Software: Ein eigenes Cap-Profil anlegen und Unterlagen (z. B. Center Run im Satin-Bereich) gezielt testen.
- Hardware: Ein passender Kappenrahmen für brother Stickmaschine (oder markenspezifisch) stabilisiert die Cap deutlich besser als Improvisation.
Problem: Du bist unsicher, was du für Neopren einstellen sollst
- Symptom: Stiche versinken, Stickbild wirkt hart.
- Wahrscheinliche Ursache: Neopren ist „spongy“ – Fadenzug kann einsinken.
- Lösung: Als Start „Fleece“ klonen und dann über Probesticks verfeinern (Unterlage/Dichte/Pull Compensation).
Sicherheitswarnung: Beim Testen neuer Parameter Hände nie in die Nähe der Nadelstange bringen. Wenn eine Nadel am Rahmen anschlägt, kann sie brechen.
Ergebnis
Wenn du Sues Workflow übernimmst und konsequent testest, wird Auto Fabric von einem Preset-Menü zu einem echten Produktionswerkzeug. Du erhältst ein Custom Piqué-Profil, das:
- in Manage Auto Fabrics gespeichert ist,
- deine Tatami-Werte (4.00 mm / 0.40 mm) und Pull compensation (0.20 mm) mitnimmt,
- und dich per Stabilizer-Notiz an die passende Vlies-Vorbereitung erinnert.
Das reduziert die „Starthemmung“: Du weißt, womit du beim letzten Mal Erfolg hattest – und kannst es wiederholen.
Wachstumspfad:
- Software-Konsistenz: (dieser Guide)
- Einspann-Konsistenz: (z. B. Magnetrahmen für Stickmaschine oder Einspannstation)
- Produktions-Konsistenz: Standardisierte Abläufe + passende Rahmen/Einspannhilfen
Leg heute dein erstes Profil an, speichere deinen ersten sauberen Probestick – und mach daraus deinen Standard.

