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Master-Guide: Cardstock-Applikation mit SewWhat-Pro & ScanNCut (PES-zu-SVG-Workflow)
Für viele Stickende fühlt sich der Sprung von digitalen Stickdateien (PES) zur Schneidedatei (SVG) an, als müsste man zwei verschiedene Sprachen sprechen. Wenn du diesen Workflow aber sauber beherrschst, öffnet er dir eine extrem nützliche Nische: Maschinenstickerei auf Papier/Cardstock.
In diesem Guide zerlegen wir ein Projekt (Kürbis-Applikation als Ornament) in einen reproduzierbaren Prozess. Es geht nicht nur ums „Umwandeln“, sondern um kontrollierte Passung. Cardstock ist gnadenlos: Er dehnt sich nicht wie Baumwolle, sondern wird durch Stichdichte schnell perforiert. Wenn deine Ausrichtung oder Überdeckung minimal danebenliegt, bleibt an der Satinkante eine helle Papierkante sichtbar.
Wenn du dein Einspannen für Stickmaschine-Know-how speziell für Nicht-Textilien wie Cardstock (oder ähnliche starre Materialien) verbessern willst, ist dieses Projekt ein ideales Trainingsfeld: Stabilisierung, „Floating“ und saubere Kantenabdeckung werden hier sofort sichtbar.

Was du hier lernst (und wie du „Papier-Perforation“ vermeidest)
Am Ende dieser Anleitung kannst du:
- Kontur isolieren & exportieren: In SewWhat-Pro die Applikations-/Die-Line aus einer PES-Datei herausziehen und als präzise SVG speichern.
- Inflation richtig setzen: Verstehen, warum „exakt passend“ beim Sticken oft scheitert – und wie du mit dem Inflation Factor bewusst Überdeckung erzeugst.
- Floating sauber umsetzen: Cardstock auf Tearaway-Stickvlies sicher fixieren, ohne den Cardstock zu zerreißen oder die Oberfläche zu ruinieren.
- Fehler schnell diagnostizieren: Stumpfe Klinge, falsche Überdeckung oder Fixierprobleme erkennen, bevor dir ein ganzer Satz Teile misslingt.
Die drei „Projekt-Killer“, die wir entschärfen:
- „White Halo“: Helle Papierkante blitzt durch, weil die SVG zu knapp (zu wenig Inflation) geschnitten wurde.
- „Perforation Tear“: Cardstock reißt entlang der Stichlinie, weil die Perforation zu stark wird.
- „Tape Scar“: Oberfläche wird beim Abziehen von Klebeband beschädigt oder es bleiben Rückstände.
Teil 1: Digitale Vorbereitung – das Entscheidende passiert in SewWhat-Pro
Ob das Ergebnis sauber wird, entscheidet sich nicht erst an der Maschine, sondern in der Software. Ziel: die Applikationsform extrahieren und minimal größer als die spätere Stichlinie schneiden lassen, damit die Satinkante sicher „übergreift“.
Schritt 1: Applikations-/Die-Line isolieren
Öffne das Design in SewWhat-Pro. Du siehst mehrere Farbwechsel/Stops. Du musst den Stop finden, der die Applikations-Position/Die-Line enthält. Bei vielen Applikationsdesigns ist das der erste Stop: eine einfache Laufstich-Kontur, die die Platzierung markiert.

Aktion: Klicke gezielt den Farbwechsel an, der nur die Kontur enthält. Schnellcheck: Im Arbeitsbereich darf nur die Kürbis-Umrisslinie aktiv sein. Wenn Augen/Mund oder die Satinkante mit ausgewählt sind: stoppen und den richtigen Stop wählen.
Schritt 2: Der kritische Punkt – Inflation Factor korrekt setzen
Klicke auf das Appliqué Cutter-Symbol (Klinge/Blade). Wähle als Exportformat SVG. Dann kommt der entscheidende Parameter: Inflation Factor.
- Einstellung im Video: 1.05
- Praxis-Hinweis aus dem Video: Die 1.05 kann „einen Tick zu klein“ sein – beim nächsten Mal würde sie den Wert erhöhen, damit die Satinkante die Kante sicherer abdeckt.
Warum das zählt (Mechanik in der Praxis): Stiche ziehen sich beim Sticken leicht nach innen (Pull). Gleichzeitig ist Cardstock starr – er „setzt“ sich nicht wie Fleece unter dem Stich. Schneidest du die Form exakt auf der Kontur, kann die Satinsäule an einzelnen Stellen die Schnittkante verfehlen. Der Inflation Factor erzeugt bewusst Überstand, damit die Nadel in den Cardstock „beißt“ und die Kante zuverlässig überdeckt.
Checkpoint: „Inflation“ aktivieren und mindestens auf 1.05 setzen. Erfolgskriterium: Die exportierte SVG ist minimal größer als die ursprüngliche Die-Line.
Warnung: Nadelverschleiß bei Papier
Papier/ Cardstock stumpft Nadeln deutlich schneller ab als Stoff. Eine stumpfe Nadel stanzt eher aus, statt sauber zu stechen – das erhöht das Risiko von Rissen. Starte Paper-Projekte nach Möglichkeit mit einer frischen Nadel.
Teil 2: Der Zuschnitt – ScanNCut sauber vorbereiten
Du hast die Datei – jetzt brauchst du saubere Teile. Im Video wird ein wichtiger Workflow gezeigt: Redundanz (gleich mehrere Teile schneiden und einen Test-Cut einplanen).
Schritt 3: Transfer & kurzer Realitätscheck
Übertrage die SVG per USB (oder nach deinem üblichen Weg) auf die Brother ScanNCut.
10-Sekunden-Check, bevor du weggehst:
- Liegt die Datei wirklich auf dem Laufwerk?
- Ist es die SVG (nicht die PES)?
- Datenträger sauber auswerfen, damit nichts beschädigt wird.
Schritt 4: Layout-Strategie auf der ScanNCut
Am ScanNCut-Display:
- Daten abrufen.
- Form duplizieren: Du brauchst ein Teil für vorne und eins für hinten.
- Test-Cut hinzufügen: Im Video wird zusätzlich eine kleine Testform (z. B. Kreis) platziert.

Warum duplizieren? Bei Cardstock sieht die Rückseite (Unterfaden/Mechanik) oft nicht schön aus. Ein zweites Teil kann später als Abdeckung/Backing dienen (im Video wird alternativ auch Filz erwähnt).
Schritt 5: Schneiden & Klingenproblem erkennen
Lege den Cardstock auf die Matte und starte den Schnitt.

Typischer Fehlerpunkt (wie im Video): Der Schnitt geht nicht komplett durch – die Klinge ist zu stumpf oder die Einstellung passt nicht.

Praktische Diagnose aus dem Video: Wenn du beim Ablösen merkst, dass der Cardstock noch „hängt“ und du nachschneiden musst, ist das ein klares Zeichen. Im Video wird mit der Schere nachgearbeitet und darauf hingewiesen, dass die Klinge alt ist.
Teil 3: Einspannen & Setup – hier gewinnt oder verliert man Qualität
Das ist der kritischste Abschnitt. Stoff verzeiht – Cardstock nicht. Lockere Stabilisierung = Teil rutscht. Zu aggressives Klebeband = Oberfläche ruiniert.
Vorbereitung: Checkliste der Verbrauchsmaterialien
Lege dir vor dem Start alles bereit:
- Tearaway-Stickvlies: mittlere Stärke (wie im Video).
- Klebeband: Im Video wird normales Tape genutzt, später aber klar empfohlen: Painter’s Tape (blau), weil es sich leichter entfernen lässt.
- Schere (für Nacharbeit beim Zuschnitt).
Schritt 6: Die „Float“-Methode (Cardstock nicht direkt einspannen)
Cardstock wird nicht wie Stoff in den Stickrahmen eingespannt – das würde Knicke/Abdrücke erzeugen. Stattdessen wird „gefloatet“.
- Nur das Stickvlies einspannen: Tearaway-Stickvlies straff in den Stickrahmen einspannen.
- Schnellcheck: Das Vlies muss straff sitzen (keine Wellen).
- Cardstock platzieren: Kürbis mittig auf das Vlies legen.
- Fixieren: An den Rändern mit (möglichst) Painter’s Tape fixieren.


Reibungspunkt: Klebeband vs. Papieroberfläche Im Video sieht man, dass normales stark klebendes Tape auf Cardstock problematisch ist: Es lässt sich schlecht abziehen und kann die Oberfläche beschädigen. Empfehlung aus dem Video: Painter’s Tape verwenden.

„Upgrade“-Gedanke: Wann du mit Klebeband aufhören solltest
Für ein Einzelstück funktioniert „Float & Tape“. Wenn du aber mehrere Teile am Stück machst, wird das Fixieren mit Tape langsam und riskant.
Praxislösung für weniger Klebebandkontakt: Hier kommen Systeme wie Magnetrahmen für brother ins Spiel: Cardstock und Vlies werden gehalten, ohne dass du die Oberfläche mit Klebeband berührst.
- Szenario: Viele identische Cardstock-Teile.
- Problem: Tape kostet Zeit und kann Spuren/Risse verursachen.
- Ansatz: Ein Magnetrahmen für brother kann Material schnell und gleichmäßig klemmen – ohne Klebestreifen auf der Sichtseite.
Warnung: Magnet-Sicherheit
Magnetrahmen arbeiten mit starken Magneten. Finger können eingeklemmt werden. Abstand zu Herzschrittmachern, Kreditkarten und mechanischen Uhren halten. Magnete zum Lösen eher seitlich „abschieben“ statt ruckartig abzuheben.
Wenn du beim Ausrichten generell Schwierigkeiten hast, kann eine Einspannstation für Maschinenstickerei helfen, reproduzierbarer zu arbeiten – beim Floating von Cardstock ist im gezeigten Kontext aber vor allem die Haltekraft/Schonung der Oberfläche der Engpass.
Vorbereitung-Checkliste (erst weiter, wenn abgehakt)
- Stickvlies straff eingespannt: keine Wellen.
- Datei-Check: Du nutzt die exportierte SVG mit Inflation (nicht die reine Kontur ohne Überstand).
- Fixierung: Tape an einem Reststück getestet (lässt sich sauber abziehen).
Teil 4: Produktion – Sticken ohne Überraschungen
Jetzt läuft die Maschine. Die Applikations-Reihenfolge ist hier praktisch: Platzierung/Positionierung → Fixiernaht (Tackdown) → Satinkante.
Schritt 7: Bänder/„Beine“ vorbereiten
Wenn du – wie im Video – Bänder als Deko oder „hängende Beine“ einarbeiten willst:
Regel: Bänder auf die Rückseite des vorderen Cardstock-Teils kleben, damit sie später „eingesandwicht“ sind.

Sicherheitscheck: Lose Bandenden müssen außerhalb des Stickbereichs liegen und gut fixiert sein, damit der Fuß nichts hochzieht.
Schritt 8: Tackdown & Satinstich sauber überwachen
Starte die Fixiernaht (Tackdown). Sie verbindet Cardstock und Vlies.

Danach folgt die Satinkante.

Sichtkontrolle: Deckt die Satinkante die Schnittkante rundum ab? Mit Inflation 1.05 sollte sie grundsätzlich greifen – im Video wird aber erwähnt, dass es knapp sein kann und beim nächsten Mal mehr Inflation sinnvoll wäre.
Schritt 9: Aus dem Rahmen nehmen & Rückseite sauber lösen
Nach dem Sticken den Stickrahmen abnehmen.

Die Rückseite ist oft nicht präsentabel (Unterfaden, Vliesreste). Genau deshalb wurde zuvor ein zweites Teil geschnitten: zum Abdecken. Alternativ wird im Video Filz als Backing genutzt.

Vlies entfernen (Tearaway): Langsam abreißen. Technik aus dem Video-Kontext: Nicht „reißen“, sondern kontrolliert lösen – zu viel Zug kann entlang der Perforation reißen.


Qualitätskontrolle nach dem Sticken
- Kantenabdeckung: Keine helle Papierkante sichtbar („White Halo“).
- Stabilität: Keine Risse entlang der Stichlinie.
- Oberfläche: Keine Tape-Risse/Rückstände.
Teil 5: Troubleshooting – Logik für Paper-Embroidery
Wenn bei Papier etwas schiefgeht, ist es meist nicht „reparierbar“ wie bei Stoff. Nutze diese Matrix, um Fehler schnell einzugrenzen.
Troubleshooting-Matrix
| Symptom | Wahrscheinliche Ursache | Quick Fix | Vorbeugung |
|---|---|---|---|
| „White Halo“ (Kante blitzt durch) | Inflation zu niedrig. | Kante mit farblich passendem Stift kaschieren. | Inflation in SWP beim nächsten Mal erhöhen (im Video wird angedeutet, dass 1.05 knapp sein kann). |
| Cardstock reißt/Perforation | Zu viel Belastung entlang der Stichlinie (Papier perforiert schnell). | Meist nur kaschierbar (Backing/Abdeckung). | Ruhig arbeiten, Material stabil halten (Floating sauber), unnötige Mehrfachdurchstiche vermeiden. |
| Ausgefranste Schnittkante | ScanNCut-Klinge stumpf (wie im Video). | Mit Schere nacharbeiten. | Klinge ersetzen; Test-Cut nutzen. |
| Oberfläche reißt beim Tape-Abziehen | Tape zu aggressiv (wie im Video). | N/A (Oberfläche beschädigt). | Painter’s Tape verwenden; vorab auf Reststück testen. |
| Rahmenspuren/Rahmenabdrücke | Cardstock direkt eingespannt. | Kaum sauber zu beheben. | Cardstock immer floaten, nur Vlies einspannen. |
Entscheidungslogik: Welche Haltemethode ist die richtige?
- Q1: Ist das Material starr (Cardstock)?
- Ja: Weiter zu Q2.
- Nein: Standard einspannen.
- Q2: Verträgt die Oberfläche Klebeband?
- Ja: Float & Tape (Painter’s Tape).
- Nein (sehr empfindliche Oberfläche): Kein Tape.
- Lösung: Magnetrahmen.
- Q3: Machst du 1 Teil oder viele?
- 1 Teil: Float & Tape ist okay.
- Viele Teile: Ein Haltesystem ohne Tape wird deutlich effizienter.
Abschließender Workflow-Hinweis
Der Stickrahmen 4x4 für brother ist für solche Projekte absolut nutzbar – aber bei starren Materialien stößt man schnell an Grenzen (Fixierung, Oberflächenschutz, Wiederholgenauigkeit). Wenn du ständig gegen Tape und Ausrichtung kämpfst, ist das oft eher ein Workflow-/Hardware-Thema als „fehlendes Talent“.
Profis betrachten Stickrahmen für Stickmaschine als Teil eines Systems: Software (Inflation), sauberes Floating und – bei höherem Volumen oder empfindlichen Oberflächen – eine Haltemethode, die ohne Klebeband auskommt. So kannst du Paper-Projekte zuverlässiger und mit weniger Ausschuss produzieren.
