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Text-Griffe verstehen: Skalieren vs. Kerning
Script-Schrift wirkt nur dann professionell, wenn sie sich wie echte Handschrift verhält: Die Buchstaben müssen ineinander „fließen“ – nicht wie einzelne Inseln mit Luft dazwischen stehen. In Floriani (und generell beim Digitalisieren) hängt dieses flüssige Schriftbild an einer Kernkompetenz: Du musst Skalier-Griffe von Kerning-/Abstands-Griffen unterscheiden können.
Wenn du schon einmal versucht hast, einen Buchstaben näher heranzuziehen und ihn dabei aus Versehen verzogen oder „hoch/runter“ geschoben hast, war es fast immer der falsche Griff.
In diesem Walkthrough gehen wir über das reine Tippen hinaus und arbeiten die Mechanik von Textobjekten sauber durch:
- Skalierung kontrollieren: Script-Text in einer konstanten Höhe anlegen (im Video als Basis: 1.25 inches).
- Kerning präzise setzen: Die diamantförmigen Griffe erkennen, die Buchstaben nur horizontal verschieben – ohne vertikales „Driften“.
- Manueller Flow: Namen wie „Tina“ und „Jennifer“ so kernst du sie, dass Verbindungen bewusst wirken – nicht zufällig.
- „Chirurgie“ bei Problemstellen: Unschöne Kombinationen (z. B. „e“ vor kleinem „r“) über Break Up Text auflösen und per Outlines/Nodes anpassen.
- Aufräumen: Kleine zusätzliche Stichobjekte in der Sequence View entfernen, damit das Ergebnis wie ein durchgehender Strich ausstickt.















Was das Video wirklich löst (und warum das in der Praxis zählt)
Die Standard-Laufweite/der Standardabstand in Script-Fonts lässt oft sichtbare Lücken (Weißraum) zwischen den Buchstaben. Bei sehr kleiner Schrift kann die Fadenauflage (Thread Spread) diese Lücken optisch „schlucken“. Aber bei 1.25 inches und größer – typisch z. B. für Weihnachtsstrümpfe (wie im Video), Taschen oder große Namenszüge – werden diese Lücken schnell zu einem klaren Qualitätsproblem. Das wirkt dann wie „Computertext“ statt wie „Custom Stickerei“.
Dazu kommt ein echter Workflow-Frustpunkt, den erfahrene Digitalisierer kennen: In älteren Floriani-Versionen konnte es passieren, dass nach dem Kernen eine spätere Änderung an Eigenschaften (z. B. Dichte) die Abstände wieder „zurücksetzt“. Im Video wird gezeigt, dass das in der aktuellen Version behoben ist – du kannst also erst kern(en) und danach Eigenschaften feinjustieren.
Warnung: Micro-Drag-Falle. Beim starken Reinzoomen reicht eine minimale, unbewusste Mausbewegung (Handballen auf dem Tisch), um einen Buchstaben leicht zu verziehen oder minimal vertikal zu verschieben – oft merkt man das erst später. Praxis-Tipp: Halte
Ctrl+Z(Undo) griffbereit. Wenn sich ein Buchstabe nicht sauber nur links/rechts bewegt: sofort rückgängig machen und neu ansetzen.
Warum Standardabstände bei Script-Fonts so oft „falsch“ wirken
Im Tutorial wird das am Namen „Tina“ in Athletic Script bei 1.25 inches sichtbar: Standardmäßig bleibt zwischen „T“ und „i“ eine kleine Lücke. In Blockschriften wäre das okay – bei Script zerstört es den Handschrift-Eindruck.
Warum Script-Abstände häufiger scheitern als Block-Abstände
Software berechnet Abstände oft über „Bounding Boxes“ (unsichtbare Rechtecke um Buchstaben). Blockbuchstaben sind meist geradlinig – die Boxen passen gut nebeneinander. Script-Buchstaben haben jedoch schräge Ein-/Ausstiege, Schwünge und hohe Oberlängen (z. B. ein großes „J“). Der Rechner „sieht“ potenzielle Kollisionen und lässt Abstand – das menschliche Auge sieht aber eine Lücke.
Merksatz für die Praxis: Je größer die Schrift, desto kritischer wird die optische Passung. Was klein noch „durchgeht“, wirkt groß sofort unruhig.
Kurzer Produktions-Realitätscheck (damit dich der Sticklauf nicht überrascht)
Zwischen Bildschirm und Stickmaschine liegt immer eine „Physik-Lücke“: Du kannst am Monitor perfekte Überlappungen bauen – wenn das Material beim Sticken aber nachgibt (Push/Pull), öffnen sich Verbindungen wieder.
Wenn du Namen auf schwierigen Artikeln stickst (z. B. dicke Weihnachtsstrümpfe, voluminöse Materialien oder dehnbare Ware), ist die Einspann-Methode genauso entscheidend wie das Kernen in der Software. Klassische Schraubrahmen können bei dicken Lagen Druckstellen verursachen (Rahmenabdrücke) oder halten nicht gleichmäßig. Viele Profis setzen deshalb bei solchen Projekten auf Magnetrahmen für Stickmaschine: Das Material wird schnell und gleichmäßig geklemmt, ohne die typische Reibung/Quetschung – und die Passung bleibt näher an dem, was du digitalisiert hast.
Schritt-für-Schritt: Manuelles Kerning (wie im Video)
Dieser Abschnitt folgt dem Ablauf aus dem Video – so strukturiert, dass du keine „unsichtbaren“ Zwischenschritte übersiehst.
Vorbereitung (bevor du Abstände anfasst)
Behandle das wie einen Pre-Flight-Check: Gute Digitalisierung rettet keine schlechte Basis.
Versteckte Checks (die oft vergessen werden)
- Software-Version: Floriani aktualisieren, damit Abstände nach Eigenschaftsänderungen nicht zurückspringen.
- Testlauf einplanen: Nicht auf dem finalen Teil testen – erst auf vergleichbarem Restmaterial.
- Problemstellen bewusst prüfen: Script-Verbindungen sind bei größeren Höhen (hier 1.25") deutlich sichtbarer.
- Sequence View im Blick: Für spätere Korrekturen (z. B. kleine zusätzliche Lauf-/Sprungstiche) brauchst du den Zugriff auf die Objektfolge.
Hinweis aus der Praxis: Wenn dir – wie in einer typischen Rückfrage – „die grünen Markierungen“ fehlen oder du nicht die gleichen Griffe siehst: Stelle sicher, dass du wirklich im Lettering-/Textmodus bist und dann das Shape Tool aktiv ist. Ohne diese Kombination erscheinen die Kerning-Griffe nicht wie im Video.
Prep-Checkliste
- Floriani ist auf dem aktuellen Stand.
- Font Athletic Script und Höhe 1.25" sind gesetzt.
- Du weißt, wo Space % und die Sequence View zu finden sind.
Setup: Textobjekt erstellen (Video: „Tina“)
- Text Tool auswählen.
- In die Arbeitsfläche klicken und „Tina“ tippen.
- In den Properties Height auf 1.25 inches setzen.
- Font „Athletic Script“ wählen.
- Apply klicken.
Sichtkontrolle: Der Text erscheint mit Standardabstand – bei Script meist etwas „luftig“.
Setup: Die richtigen Kerning-Griffe erkennen (entscheidender Schritt)
Hier scheitert es oft, weil zwei Griffarten ähnlich wirken:
- Schwarze, solide Griffe: für Skalieren/Rotieren des gesamten Textobjekts. Dafür jetzt nicht verwenden.
- Grünlich-goldene Diamanten: für Kerning. Sie sitzen an der Grundlinie (Baseline) im unteren Bereich.
So aktivierst du den Kerning-Zugriff:
- Zum Shape Tool wechseln.
- Das Textobjekt anklicken (im Text-/Lettering-Modus).
- Nach den Diamant-Symbolen unten mittig an den Buchstaben suchen.
Warum genau der Diamant? Wenn du einen Diamanten verschiebst, bewegt sich der betreffende Buchstabe und alle Buchstaben rechts davon gemeinsam. Das ist der Grund, warum die Methode „von links nach rechts“ so effizient ist – und warum du nicht jeden Buchstaben einzeln neu ausrichten musst.
Durchführung: Manuelles Kerning für „Tina“
- Reinzoomen, bis die Verbindung gut beurteilt werden kann.
- Ziel: Lücke zwischen „T“ und „i“.
- Den Diamanten unter dem „i“ greifen und nach links ziehen.
- Optischer Anker: Das „i“ leicht unter den Querstrich des „T“ schieben.
Erfolgskriterium: Das „i“ wirkt „eingebettet“ – nicht wie ein separater Buchstabe daneben.
Globale Einstellung: Space % = -10 (wann es hilft – und wann nicht)
Bei längeren Namen ist „alles einzeln“ langsam. Dafür zeigt das Video die globale Methode:
- Text „Jennifer“ erstellen.
- In den Properties Space % finden.
- Wert auf -10 setzen.
- Apply.
Ergebnis: Der gesamte Schriftzug zieht sich zusammen – oft ein guter Start. Im Video wird aber auch klar: Bei größeren Schriftgrößen ist das nicht immer gleichmäßig genug.
Präzisions-Kerning für „Jennifer“ (die visuelle Regel aus dem Video)
Der Instructor nutzt für Verbindungen zwischen Kleinbuchstaben eine klare Sichtregel: Linien müssen sich schneiden – so entsteht eine kleine, kontrollierte Überlappung.
Beispiel „e“ zu „n“:
- Diamant-Griff am „n“ wählen.
- Nach links ziehen, bis die schräge Eintrittslinie des „n“ die Auslaufkante des „e“ sichtbar schneidet.
- Kontrolle: Am Schnittpunkt entsteht eine kleine „Dreiecks“-Überlappung. Das sorgt dafür, dass die Verbindung auch bei minimaler Materialbewegung noch geschlossen wirkt.
Im Video sieht man außerdem, warum globale -10% nicht jede Stelle trifft (z. B. wenn ein Buchstabe deutlich höher ist): Dann ist manuell nachsetzen die saubere Lösung.
Praxis-Workflow-Hinweis: Wenn du viele Teile mit Namen stickst, hilft dir eine standardisierte Einspannung, damit deine Kerning-Entscheidungen reproduzierbar bleiben. Eine Einspannstation für Maschinenstickerei sorgt dafür, dass Position und Spannung von Teil zu Teil gleich sind – und du weniger „Überraschungen“ im Stickbild bekommst.
Checkliste nach dem Kernen
- Nutze ich wirklich die Diamant-Griffe (Kerning) und nicht die schwarzen Skaliergriffe?
- Arbeite ich von links nach rechts, damit sich die rechte Seite sauber mitbewegt?
- Sind Kleinbuchstaben-Verbindungen sichtbar überlappend (Schnittpunkt-Regel)?
Fortgeschritten: „Break Up Text“ für schwierige Verbindungen
Manchmal reicht Kerning nicht, weil die Buchstabenformen geometrisch nicht zueinander passen. Im Video ist das klassische Beispiel die Verbindung von „e“ zu kleinem „r“: Die Winkel passen nicht, es bleibt eine Lücke.
Schritt 1: Text in editierbare Elemente zerlegen
Warnung: Das ist „destruktiv“. Nach Break Up Text ist es kein Text mehr – du kannst die Schreibweise nicht mehr einfach ändern.
- In der Sequence View das Textobjekt rechtsklicken.
- Break Up Text wählen.
- Aus einem Textobjekt werden mehrere Einzelobjekte (J, e, n, …).
Schritt 2: Outlines/Nodes bearbeiten, um den Anschluss zu formen
Jetzt arbeitest du an der Form (Outline), nicht nur an der Position.
- Stark auf die Lücke zwischen „e“ und „r“ zoomen.
- Das Objekt des „e“ auswählen.
- Rechtsklick: Edit > Outlines.
- Die Punkte/Nodes am Auslauf des „e“ so ziehen, dass der Auslauf weiter nach unten läuft und in einem natürlicheren Winkel in Richtung „r“ führt.
Warum im Video das „e“ und nicht das „r“? Weil es oft sauberer ist, den Auslauf (Tail) zu verlängern/umzuwinkeln, als den Einstieg des folgenden Buchstabens zu „verbiegen“. Du folgst damit der Logik eines Stifts.
Kurz erklärt: Kerning verändert die Position. Break Up Text + Outlines verändert die Form. Damit baust du dir eine Verbindung, die der Font so nicht mitliefert.
Für wiederholbare Ergebnisse in der Produktion hilft eine stabile, gleichbleibende Einspannung – z. B. über eine Einspannstation für Stickrahmen, damit deine fein editierten Übergänge im Sticklauf nicht durch wechselnde Spannung „aufgehen“.
Finish: Outlines & Stich-Artefakte in der Sequence View aufräumen
Wenn du Buchstaben überlappen lässt oder Outlines umformst, können kleine zusätzliche Lauf-/Sprungstich-Objekte sichtbar bleiben – im Video werden diese gezielt gelöscht.
Wo du unerwünschte Stiche findest (und löschst)
- Sequence View öffnen.
- Nach sehr kleinen Objekten im Bereich der Verbindung suchen (z. B. zwischen „e“ und „r“).
- Diese Objekte markieren und Delete drücken.
- Ziel: Die Satin-/Spaltenflächen sollen ohne „Müll“ dazwischen sauber ineinander laufen.
Typische Praxisfrage: „Wie lösche ich Sprungstiche zwischen Buchstaben – wo sehe ich das?“
Genau hier: In der Sequence View siehst du die einzelnen Objekte/Teilsequenzen. Nach dem Break Up Text ist das besonders gut nachvollziehbar, weil der Schriftzug in Einzelteile zerlegt ist und du kleine zusätzliche Laufstücke gezielt auswählen kannst.
Entscheidungslogik: Wann reicht Kerning – wann musst du Break Up Text nutzen?
- Fall A: Sehr kleine Schrift.
- Aktion: Globales Spacing (z. B. -10%) kann reichen. Danach kurz prüfen. Stopp.
- Fall B: Größere Schrift, normale Verbindungen (z. B. „a“ zu „n“).
- Aktion: Diamant-Griffe + Schnittpunkt-Regel. Stopp.
- Fall C: Größere Schrift, „Problem-Paar“ (z. B. „e“ zu „r“).
- Aktion: Break Up Text → Outlines/Nodes anpassen → Artefakte löschen. Weiter.
Warnung: Sicherheit bei Magnetrahmen. Wenn du für präzise Schriftzüge mit Magnetrahmen arbeitest, nutze die „aufschieben“-Technik: Oberteil seitlich ansetzen und kontrolliert auf den Unterrahmen schieben. Finger nicht zwischen die Teile bringen und nicht „zuschnappen“ lassen – die Magnetkraft kann schmerzhaft einklemmen.
Finale QA-Checkliste
- Wirkt der Schriftzug bei 100% Zoom wie „aus einem Strich“?
- Sind kleine zusätzliche Lauf-/Sprungstich-Objekte in der Sequence View entfernt?
- Sind die bearbeiteten Kurven ohne harte Knicke?
- Ist die Überlappung groß genug, um Materialbewegung beim Sticken zu überstehen?
Ergebnis
Wenn du den Unterschied zwischen Skalieren (schwarze Griffe) und Kerning (Diamant-Griffe) sicher beherrschst, wird aus „Text setzen“ echte Script-Qualität.
- „Tina“: Das „i“ sitzt optisch unter dem „T“ und wirkt verbunden.
- „Jennifer“: Globales -10% als schneller Start, dann gezielte manuelle Korrekturen.
- Die „e–r“-Lücke: Nicht durch Schieben lösen, sondern durch Formanpassung via Outlines.
Und denk daran: Software ist nur die halbe Miete. Schlechte Einspannung kann perfekte Kerning-Arbeit wieder öffnen. Wenn dein digitales Design auf sauber stabilisiertem Material liegt, erreichst du den „painted on“-Look – z. B. mit konsequentem Einspannen für Stickmaschine und passenden Rahmen/Workflows wie Magnetrahmen.
