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Einführung in das Laufstich-Werkzeug in Ethos
Laufstich-Digitalisieren wirkt simpel – und genau das ist die Falle. Es ist die Basis vieler Stickdateien, aber hier erleben Einsteiger oft die ersten echten Frustmomente: Am Bildschirm ist das Quadrat perfekt, auf dem Stoff „schneidet“ die Ecke ab, Konturen treffen sich nicht sauber oder die Linie driftet neben der Fläche wie ein Schatten.
In diesem Ethos-Virtuoso-Plus-Workflow gehen wir bewusst über „nur klicken“ hinaus. Wir behandeln Digitalisieren als Ingenieursarbeit auf Textil: Du baust saubere Laufstich-Objekte (inkl. perfektem Schließen und kontrolliertem Ausstichpunkt) und wandelst dieselben Pfade anschließend mit Satin Serial in Satinkonturen um – eine der schnellsten Methoden, um professionelle Umrandungen zu erstellen, ohne Satinsäulen manuell als Punkt/Gegenpunkt zu konstruieren.

Am Ende kannst du:
- Gerade Segmente und Kurven sicher digitalisieren (und Fehler sofort rückgängig machen).
- Formen mit Tab perfekt schließen (mathematisch exakt statt „nach Augenmaß“).
- Stichverhalten über Stichlänge, U-Turns und Random gezielt steuern.
- Satinkonturen auf drei Arten erzeugen (visuell, numerisch, einseitig versetzt).
- Satinbreiten nachträglich im Bulk anpassen, statt alles einzeln zu korrigieren.
Reality-Check: Auch wenn das hier „nur Software“ ist – jede Entscheidung wird später physisch. Mehr Durchläufe und kurze Stiche bedeuten mehr Nadeleinstiche und mehr Belastung für den Stoff. Wenn du mit Verzug, Wellen oder Lücken kämpfst, ist die Lösung oft eine Kombination aus sauberem Digitalisieren und stabilerem Einspannen.
Grundeingabe: Gerade Linien, Kurven und Formen sauber schließen
1) Running Digitizing Tool auswählen
In Ethos wählst du das Running Digitizing Tool. Der Cursor wird zum Fadenkreuz – dein „Nadelpunkt“ am Bildschirm.

2) Punkte setzen: Gerade vs. Kurve
Nutze die Eingabemethoden wie im Tutorial gezeigt. Denk dabei in klaren „Punktarten“:
- Linksklick setzt einen Linienpunkt (Ecke/gerades Segment).
- Mittelklick setzt einen Kurvenpunkt (weicher Bogen).
- Strg + Linksklick ist eine Alternative für Kurvenpunkte.
Praxis-Check: Verfolge die Linie sofort mit den Augen. Wenn ein Punkt falsch sitzt: Backspace drücken und direkt einen Schritt zurück. Warte nicht bis zum Schluss – eine „schlechte Kurve“ am Anfang zieht dir die ganze Kontur schief.
3) Perfekt orthogonale Linien (90°) digitalisieren
Bei geometrischen Formen oder Kanten verlässt man sich nicht auf die Hand. Drücke und lasse den Buchstaben O los, um die Linie orthogonal (horizontal/vertikal) zu erzwingen.
Erwartetes Ergebnis: Das Segment „snapt“ sichtbar auf 90°.
4) Offene Form beenden und Ausstichpunkt setzen
Ein Laufstich muss nicht geschlossen sein.
- Einmal rechtsklicken, um Ethos mitzuteilen, dass du mit dem Setzen der Punkte fertig bist.
- Dann entscheidest du den Ausstichpunkt:
- Nochmals rechtsklicken, um den Ausstichpunkt dort zu lassen (am letzten Punkt).
- Linksklicken an einer anderen Stelle, um den Ausstichpunkt zu verschieben (z. B. näher an das nächste Objekt).
Warum das zählt: Ein sinnvoller Ausstichpunkt reduziert Sprungstiche, Laufwege und Trims. In der Serie summiert sich das direkt zu Laufzeit.
5) Form mit Tab perfekt schließen (nicht „zurückklicken“)
Hier entsteht der typische „Spalt“. Wenn du versuchst, den letzten Punkt manuell auf den Startpunkt zu setzen, liegst du fast immer minimal daneben.
- Setze keinen letzten Punkt „zurück“ auf den Start.
- Drücke Tab, um die Form automatisch exakt zum Startpunkt zu schließen.
- Danach rechtsklicken, um den Eingabemodus zu beenden.

Profi-Hinweis: Manuelles „Schließen“ erzeugt oft entweder eine minimale Überlappung (dicker Knoten) oder eine Lücke (Stoff blitzt durch). Tab ist die saubere, reproduzierbare Lösung – besonders wichtig, wenn du den Pfad später in Satin Serial umwandelst.
Warnung: Wenn du neue Dateien teststickst, halte Hände und Werkzeuge von Nadelbereich und bewegten Teilen fern. Änderungen am Digitalisieren können unerwartete Sprünge erzeugen.
Stichparameter verstehen: Stichlänge und U-Turns
Wo du die Parameter änderst
Öffne den Effect Creation Wizard, um das Laufstich-Verhalten einzustellen.

Stichlängen-Limits (Ethos-Grenzen)
Ethos setzt feste Grenzen:
- Minimale Stichlänge: 1 mm
- Maximale Stichlänge: 4 mm
- Standard: 2 mm
Praxisbezug: Wenn eine Laufstichkontur auf kleinen Details „Ecken abschneidet“ oder nicht sauber folgt, ist die Stichlänge meist zu groß. Dann die Stichlänge im Wizard reduzieren – bis zur Untergrenze von 1 mm.
U-Turns / Durchläufe: wie „schwer“ der Laufstich wird
U-Turns bestimmen, wie oft der Stich den Pfad abläuft.
- 1 Durchlauf = leichter Laufstich.
- 2 Durchläufe = „Running x2“ (zweimal um den Pfad).
- 3 Durchläufe = sehr kräftig.
- 4 Durchläufe = kritisch.

Passgenauigkeit in der Praxis: Viele Durchläufe bedeuten viel Hin-und-her-Bewegung. Wenn Stoff oder Maschine minimal nachgibt, liegen die Linien sichtbar „daneben“. Im Tutorial wird genau deshalb empfohlen: Wenn du bei 4 landest, überdenke das Design – oft ist ein Satin Stitch die bessere Wahl als ein extrem schwerer Laufstich.
Snapshot: Stichzahlen als Plausibilitätscheck
Die Snapshot-Ansicht hilft dir, Stichzahlen zwischen Objekten/Effekten zu vergleichen.

Checkpoint: Wenn zwei Objekte ähnlich wirken, aber eines hat deutlich mehr Stiche, prüfe zuerst U-Turns bzw. ob du versehentlich „Running x2“/mehrere Durchläufe aktiv hast.
Running vs. Running x2
Ethos bietet zwei Laufstich-Effekte:
- Running
- Running x2 (läuft den Pfad zweimal)
Workflow-Tipp: Änderungen können global wirken, wenn mehrere Objekte denselben Effekt nutzen. Wenn du nur ein Objekt abweichend einstellen willst, nutze die lokale Bearbeitung (Rechtsklick → lokale Stitch-Effect-Änderung), damit nicht „aus Versehen“ mehrere Konturen mitgeändert werden.
Der „Random“-Wert: Textur statt sterile Perfektion
Random ist ein Effekt, der die Stichlänge um deinen Basiswert variiert.
- Stichlänge: 2
- Random: 50 (Prozent)
Damit wechselt Ethos zufällig zwischen 2 mm und 1 mm (50 % von 2).

Wofür ist das gut? Für Looks, die nicht klinisch gleichmäßig sein sollen, z. B. cartoonige Motive, Kinderdesigns, Tiere oder organische Strukturen.
Checkpoint: Stark reinzoomen. Wenn die Kontur zu unruhig wirkt, den Random-Prozentwert reduzieren.
Satin Serial: Sofort-Konturen aus einer Mittellinie
Satin Serial ist der „MVP“ im Workflow: Du digitalisierst eine Mittellinie (Laufstich) und Ethos erzeugt daraus automatisch eine Satinsäule.

Die Timing-Regel (wirklich entscheidend)
Du musst Satin Serial nachdem du die Form fertig digitalisiert hast, aber bevor du mit Rechtsklick endgültig abschließt, aktivieren. Wenn du zu früh rechtsklickst, ist das Objekt als Laufstich „fertig“.
Breiten-Hinweis aus dem Tutorial
Beim visuellen Ziehen soll die Satinbreite zwischen 1 mm und 8 mm liegen.
Methode 1: Visuell ziehen mit der Taste „f“
Ideal, wenn du schnell nach Augenmaß arbeiten willst.
Schritt für Schritt
- Digitalisiere deine Laufstich-Form.
- Tab zum Schließen (falls nötig).
- Noch nicht rechtsklicken.
- Drücke kleines f.
- Klicke einen Knoten an und ziehe nach außen. Du siehst eine Vorschau der Satinbreite.
- Linksklick, um die Breite zu setzen.
- Zweimal rechtsklicken, um die Stiche zu erzeugen.

Checkpoint: Achte auf die Breitenanzeige – beim Ziehen kann man sich schnell „verziehen“.
Methode 2: Exakte Breite per Taste „n“
Das ist die präzise Methode für Logos, Schriftkonturen und alles, was konsistent sein muss.
Schritt für Schritt
- Digitalisiere die Laufstich-Form.
- Tab (wenn du schließt).
- f drücken (Satin-Serial-Modus).
- n drücken (numerische Eingabe).
- Breite eingeben (z. B. 1.5 mm) im Dialog „Parallel Distance“.
- Bestätigen, dann zweimal rechtsklicken.

Workflow-Vorteil: Der Wert bleibt für die nächsten Objekte gespeichert. Das ist extrem hilfreich, wenn du viele gleichartige Konturen nacheinander anlegst.
Methode 3: Versetzte Konturen mit „Capital F“
Mit f expandiert Ethos 50/50 um die Mittellinie. Mit Capital F nutzt du die gezeichnete Linie als eine Kante und erzeugst die Satinsäule einseitig (0/100 statt 50/50).
Wann Capital F sinnvoll ist
Wenn du bereits eine Außenkante sauber digitalisiert hast und die Satinsäule gezielt nach innen (oder außen) „ziehen“ willst.
Schritt für Schritt
- Caps Lock EIN.
- Digitalisiere deine Linie/Form.
- Drücke Capital F.
- Ziehe, um die andere Kante zu definieren.
- Linksklick zum Setzen, dann zweimal rechtsklicken.

Erwartetes Ergebnis: Deine ursprüngliche Linie ist eine Kante der Satinsäule – nicht die Mitte.

Satinbreite nachträglich anpassen (Expand Satin)
Du hast fertig digitalisiert, aber die Konturen sollen „kräftiger“ werden? Nicht neu zeichnen.
Schritt für Schritt
- Satin-Objekt(e) auswählen.
- Rechtsklick: Outlines → Expand Satin.
- Modus wählen: Left, Right oder Middle.
- Wert anpassen.
- Apply/Close.


Mehrere Konturen im Bulk bearbeiten
- Eine Kontur auswählen.
- Shift halten und weitere Konturen auswählen.
- Expand Satin ausführen und Wert setzen.

Checkpoint: In kleinen Schriften sehr vorsichtig verdicken – zu viel Breite kann Innenräume (z. B. in „e“/„a“) schließen.
Prep
Bevor du überhaupt loslegst, muss die reale Umgebung stimmen. Digitalisieren ersetzt keine saubere Stabilisierung.
Versteckte Verbrauchsmaterialien & Setup
Beim Sticken bewegt sich der „Bildträger“ – deshalb brauchst du:
- Nadeln: 75/11 Ballpoint für Maschenware; 75/11 Sharp für Webware.
- Temporärer Sprühkleber/Gum (wenn du Stoff „floatest“).
- Stickvlies: das Fundament.
- Dehnbare Stoffe: Cutaway.
- Stabile Stoffe: Tearaway.
Der Einspann-Engpass: Klassische Schraubrahmen erzeugen Spannung über Reibung. Bei dicken Teilen oder glatten Performance-Stoffen führt das schnell zu Rahmenspuren oder Schlupf – und Schlupf zerstört jede sauber digitalisierte Gerade.
Entscheidungsbaum: Vlies & Vorgehen
- Ist der Stoff dehnbar (T-Shirt, Hoodie, Polo)?
- Ja: Cutaway.
- Nein (Canvas, Denim): Tearaway möglich.
- Ist das Motiv stark konturlastig (viel Laufstich)?
- Ja: braucht besonders stabile Einspannung.
- Produktion (50+ Teile)?
- Dann lohnt sich ein Setup, das Wiederholbarkeit und Ergonomie verbessert.
Prep-Checkliste
- Maschine: Nadel neu, Greifer-/Spulenbereich sauber.
- Software: Backspace funktioniert (schnelles Undo).
- Plan: Sind es offene Linien oder geschlossene Formen?
- Sicherheit: Ausstichpunkte so setzen, dass lange Sprungstiche minimiert werden.
- Material: Genug Garn in der benötigten Farbnummer.
Setup
„Clean Border“-Setup in Ethos aufbauen
Konstanz ist Professionalität.
- Breiten standardisieren: Lege interne Standardwerte fest.
- Eingabemethode: Für Standards bevorzugt f + n (numerisch).
- Station einrichten:
Wenn du wiederholbare Platzierungen brauchst, ist eine Einspannstation für Stickmaschinen im Workflow ein echter Hebel. Sie hilft, dass orthogonale Linien aus der Software auch am Kleidungsstück wirklich gerade laufen – besonders in Kombination mit Systemen wie hoopmaster.
Setup-Checkliste
- Software: Effect Creation Wizard geprüft; Stichlänge innerhalb 1–4 mm.
- Software: U-Turns geprüft (keine unbeabsichtigten hohen Durchläufe).
- Hardware: Passende Rahmengröße (so klein wie möglich, so groß wie nötig).
- Hardware: Wenn du Magnetrahmen für Stickmaschine nutzt: vor dem Schließen auf Metallspäne/Schmutz an den Magnetflächen prüfen.
Warnung: Magnet-Sicherheit
Starke Magnetrahmen haben Quetschgefahr. Finger aus der Kontaktzone halten. Außerdem Magnete von Herzschrittmachern und empfindlicher Elektronik fernhalten.
Operation
Nutze diesen Ablauf pro Objekt, bis er „Muskelgedächtnis“ ist.
Schritt-für-Schritt-Workflow mit Checkpoints
- Pfad digitalisieren
- Linksklick (Linie), Mittelklick (Kurve).
- Praxis-Check: Wenn du Punkte nicht sauber setzen kannst, zoom rein.
- Linien erzwingen
- O für 90°.
- Erfolg: sichtbares Snapping.
- Form schließen
- Tab.
- Nicht: zurück auf den Startpunkt klicken.
- Satin Serial aktivieren (kritischer Moment)
- Entscheidung: Linie oder Satinkontur?
- Aktion: f drücken, bevor du final rechtsklickst.
- Breite definieren
- n drücken, Wert eingeben.
- Alternative: Caps Lock + Capital F für einseitige Expansion.
- Generieren
- Zweimal rechtsklicken.
- Visueller Check: Wirkt die Kontur gleichmäßig?
Operation-Checkliste
- Aktion: Mit Tab geschlossen (keine Lücke).
- Aktion: Ausstichpunkt sinnvoll gesetzt (weniger Sprungstiche).
- Breite: Beim visuellen Ziehen innerhalb 1–8 mm geblieben.
Qualitätschecks
On-Screen (Pre-Flight)
- Ecken-Check: In Ecken reinzoomen. Wenn der Laufstich „Ecken schneidet“, Stichlänge reduzieren (bis zur Ethos-Untergrenze von 1 mm).
- Durchlauf-Audit: Snapshot prüfen – auffällig hohe Stichzahlen deuten auf zu viele U-Turns hin.
Auf Stoff (Post-Flight)
- Passung: Liegt die Kontur dort, wo sie soll? Wenn Linien „off“ sind, sind hohe Durchläufe ein typischer Verstärker.
- Wellen/Puckering: Häufig zu viele Durchläufe oder unzureichendes Stickvlies.
Troubleshooting
Nutze diese Tabelle für schnelle Diagnose. Erst die naheliegenden Ursachen prüfen, bevor du neu digitalisierst.
| Symptom | Likely Cause (Physical/Software) | Quick Fix |
|---|---|---|
| Corners are "cut off" or round | Stitch length > 2.5mm on small details. |
Software: Lower stitch length to 1.5mm locally. |
| Gaps between Fill & Border | Fabric shrinkage (Pull). | Software: Use Capital F (Offset) to move border onto fill. |
| "Birdnesting" under fabric | Top tension too loose or bobbin not threaded. | Physical: Rethread machine first. Check tension. |
| Needle breaks on borders | Too many passes (e.g., 4 passes) or too dense. | Software: Switch from Running x4 to Satin Stitch. |
| Satin Serial menu won't appear | You finished the object too early. | Process: Press f before the final right-click. |
| Hoop marks won't iron out | Hoop ring crushed the fibers. | Tool: Upgrade to a magnetic frame to remove friction burn. |
Ergebnisse
Du hast jetzt einen Workflow, der nicht auf Raten basiert:
- Saubere Eingaben über Constraints (
O) und exaktes Schließen (Tab). - Kontrolle über Optik und Verhalten via Parameter (Stichlänge, U-Turns, Random).
- Tempo durch Satin Serial (
f,n,Capital F) und konsistente Nachbearbeitung mit Expand Satin.
Wenn deine Datei am Bildschirm perfekt ist, das Stickergebnis aber schwankt, liegt der Engpass oft nicht in der Software, sondern im Einspannen. Sobald „Einspannen für Stickmaschine“ zum Flaschenhals wird (schiefe Platzierung, wechselnde Spannung), helfen reproduzierbare Systeme wie hoopmaster – und je nach Material auch Magnetrahmen für Stickmaschine für schnelles, schonendes Spannen.
