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Die Herausforderung bei kleinen Verläufen
Ein Verlauf, der auf einem Jackenrücken „okay“ wirkt, kann als kleines Linke-Brust-Logo schnell zum Desaster werden. In diesem Guide liegt die Zielbreite bei 3,25 Zoll (82,5 mm). Das Motiv ist ein Sunburst-Logo („Dusk 2 Dawn“) mit einem Blend von Gold/Gelb → Orange → Rot.
Warum scheitert das bei vielen? Weil Garn physisch ist. Anders als Pixel hat Faden Volumen (vereinfacht: ca. 0,4 mm „Breite“ im Stichbild). Bei kleinen Designs führen Standard-Verläufe deshalb oft zu:
- Kanten-Chaos: Verlauf-Objekte erzeugen am Rand wechselnde Stichlängen und „unruhige“ Enden. Ohne Abdeckung wirkt die Außenkante schnell wie eine Säge.
- „Kugelsichere“ Stickerei: Stapelst du mehrere Füllungen mit normaler Unterlage, wird die Mitte zu dicht – steif wie Pappe und im Extremfall mit Nadelbrüchen.
Die Kernstrategie hier ist die „Traveling Area“-Technik: Du digitalisierst zuerst eine saubere Negativraum-Kante, lässt die unruhigen Verlauf-Enden darunter „laufen“ und deckst sie am Ende mit einer klaren Satinkante ab.

Artwork vorbereiten und korrekt skalieren
Was du in diesem Abschnitt lernst
Du setzt das Design auf eine realistische Linke-Brust-Größe – nicht nach Bildschirmgefühl, sondern nach Produktionsmaß.
Schritt 1 — Mit Referenzlinie messen, dann das Backdrop skalieren
Im Video wird das Artwork zunächst viel zu groß geladen (ca. 11 Zoll). Durch Weißraum am Bildrand ist „Pi mal Daumen“ hier besonders riskant.
Die „Safe-Scale“-Methode: Verlass dich nicht auf die Bildkante. Stattdessen:
- Lege eine einzelne Satin-Linie über die gewünschte reale Breite der bedruckten/gefärbten Motivfläche.
- Prüfe die Breite dieser Linie im Transform-/Eigenschaftenfenster.
- Skaliere das gesamte Backdrop so lange, bis die Referenzlinie exakt zeigt:
- Zielbreite: 3,25 Zoll
- Metrisch: 82,5 mm
Checkpoint: Wenn du die Referenzlinie anklickst, steht im Transform-/Eigenschaftenfenster 3,25 in (oder 82,5 mm).
Erwartetes Ergebnis: Das Artwork ist jetzt wirklich auf Linke-Brust-Endmaß. Alle Entscheidungen zu Dichte, Zugausgleich usw. basieren ab hier auf der realen Physik von Faden und Stoff.



Schritt 2 — Backdrop-Deckkraft für sauberes Arbeiten einstellen
Reduziere die Deckkraft des Artworks auf ca. 50%. Du musst das Motiv noch gut nachzeichnen können, aber gleichzeitig deine Stichstruktur klar sehen.
Gerade bei Kundenlogos lohnt sich hier Tempo rauszunehmen: Je sauberer du die Farbzonen visuell trennst, desto weniger „Matsch“ kämpfst du später im Verlauf.
Prep-Checkliste (bevor du den ersten Stich digitalisierst)
In der Stickerei sind 80% des Ergebnisses Vorbereitung. Diese Checks helfen, dass dein Teststick später aussagekräftig ist:
- Größen-Check: Linke Brust Zielbreite 3,25" (82,5 mm).
- Ansicht/Arbeitsmaßstab: Nutze eine angenehme Arbeitsansicht (im Video: 6:1 am Bildschirm).
- Nadelwahl (praxisnah):
- Strick/Polos: 75/11 Ballpoint, um Maschen zu verdrängen.
- Gewebe (z. B. Hemden/Caps): 75/11 Sharp, für sauberen Einstich.
- Unterfaden-/Greiferbereich: Spulenkapsel prüfen, Flusen entfernen. Bei Verläufen ist Spannung kritisch – schon ein Fussel kann Unterfaden nach oben ziehen.
- Garnfarben: Orange, Gelb/Gold und Rot in passender Nuance verfügbar.
- Arbeitsumgebung: Platz schaffen, damit du konzentriert sequenzieren und prüfen kannst.
Für reproduzierbare Tests: Bleib bei einer Einspann-Methode. In der Produktion reduziert eine stabile Einspannstation für Maschinenstickerei die „Variablen“, die sonst fälschlich der Digitalisierungssoftware zugeschrieben werden.
Negativraum-Kante für saubere Ränder anlegen
Warum die Kante zuerst kommt (das „Traveling Area“-Prinzip)
Denk die Kante wie einen Rahmen: Wenn der Rahmen zuerst steht, hat der Verlauf innen eine definierte Grenze. Die Verlaufstiche dürfen bis an diese Grenze „laufen“ – und du weißt, dass eine Satinkante später alle unruhigen Enden sauber abdeckt.
Schritt 3 — Visuelle Hilfslinien für die Verlaufzonen setzen
Ziehe Lineal-Hilfslinien aus den oberen/seitlichen Linealen:
- Eine Mittellinie (für Symmetrie im Sunburst).
- Übergangslinien, wo Rot in Orange und Orange in Gelb übergeht.
Checkpoint: Du siehst klar eine Mitte und zwei Übergangsbereiche.
Erwartetes Ergebnis: Deine Verlaufobjekte werden bewusst und wiederholbar – nicht „nach Gefühl“.

Schritt 4 — Außenkurve als geschlossene Form nachzeichnen (dein Kantenpfad)
Mit dem manuellen Zeichenwerkzeug (oft Fast Draw/Bezier) setzt du Kurvenpunkte entlang der Außenkante und schließt die Form.
Wichtige Nuance: Diese Linie ist noch nicht der fertige Stich – sie ist der Pfad, der später zur Steil-Kante wird.
Checkpoint: Die Kontur ist geschlossen und folgt der Außenkurve sauber. Erwartetes Ergebnis: Du hast einen klaren, kontrollierten Perimeter-Pfad.

Schritt 5 — Sunburst-Strahlen als Classic Satin digitalisieren
Die Strahlen werden manuell mit Classic Satin digitalisiert. Zwei Punkte, die in der Praxis den Unterschied machen:
- Anfasung/Bevel am Startpunkt: Der erste Punkt jedes Strahls wird leicht schräg gesetzt, damit er der Rundung der Sonne folgt. Keine harten 90°-„Klotz“-Enden.
- Zugausgleich (Pull Compensation): Im Source wird 0,2 mm erwähnt. Warum? Stoff wird beim Sticken nach innen gezogen. Ohne diesen „Überwurf“ wirken Strahlen schnell zu schmal und es entstehen Lücken.
Checkpoint: Die Strahlen treffen sauber im Zentrum. Nutze Smart Join (bzw. Auto-Branching), damit nicht zwischen jedem Strahl unnötig geschnitten wird.
Erwartetes Ergebnis: Die Strahlen wirken scharf und bewusst verbunden.
Praxis-Hinweis: Verlass dich nicht blind auf die Bildschirmansicht. Was am Screen mit 0,2 mm Zugausgleich „zu kräftig“ aussieht, ist auf Stoff oft genau richtig.

Schritt 6 — Kantenpfad in Steil umwandeln und exakt einstellen
Wandle den Vektorpfad aus Schritt 4 in einen Steil-Stich um (schmale, dichte Satinkolonne als Kante).
- Breite: 1,5 mm (zu dünn kann je nach Material optisch „verschwinden“).
- Inset: 0% – die Kante muss exakt auf der Außenlinie sitzen, um die Verlauf-Enden zu überdecken.
Checkpoint: Die Steil-Kante sitzt sauber auf dem Perimeter.
Erwartetes Ergebnis: Das ist deine „Aufräum“-Naht, die später alles kaschiert.

Warnung: Kanten und Satinobjekte bündeln Einstiche. Achte beim späteren Sticken auf das Geräuschbild: Ein gleichmäßiges „Tackern“ ist normal, ein hartes metallisches Klacken deutet auf Nadelablenkung hin. Dann Maschine langsamer laufen lassen (z. B. von 800 SPM auf 600 SPM) – besonders bei der Kante.
Basis- und Overlay-Füllungen digitalisieren
Layering-Logik für kleine Designs
Damit der Verlauf nicht „matschig“ wird, arbeiten wir mit einer Brücke:
- Basis: Vollflächiges Orange.
- Overlays: Gelb (links) und Rot (rechts) liegen darüber.
Das Orange verbindet optisch beide Seiten und macht den Übergang sauber.
Schritt 7 — Basisfüllung (Orange) als Vollfläche anlegen
Mit Complex Fill (Tatami) digitalisierst du die komplette Halbkreisfläche in Orange.
- Stichwinkel: 90° (vertikal). Vertikale Füllstiche wirken auf Linke-Brust-Logos häufig ruhiger, weil sie sich mit dem Fall des Shirts „lesen“.
Checkpoint: Die Basis deckt die komplette Fläche ab. Erwartetes Ergebnis: Ein stabiler Untergrund für das Blending.


Schritt 8 — Overlay-Füllungen (Gelb und Rot) anlegen
Digitalisiere zwei separate Complex-Fill-Objekte:
- Gelb-Overlay links.
- Rot-Overlay rechts.
- Überlappung: Überlappe die orange Basis leicht (ca. 1–2 mm).
Checkpoint: Overlays liegen sichtbar über der orange Basis. Erwartetes Ergebnis: Du siehst jetzt drei „harte“ Farbblöcke – das ist normal. Der Verlauf entsteht erst über die Einstellungen im nächsten Schritt.

Entscheidungsbaum — Stickvlies für einen sauberen Linke-Brust-Verlauf
Deine Digitalisierung ist nur so gut wie die Stabilisierung. Nutze diese Matrix:
- Ist der Stoff instabil? (Polo, T-Shirt, Performance Knit)
- Empfehlung: Cut-away (2,5–3,0 oz).
- Warum: Strick dehnt. Mit Tear-away riskierst du „Passungs“-Lücken (Stoff scheint zwischen Stichen durch).
- Ist der Stoff stabil? (Denim, Canvas, schwerer Hoodie)
- Empfehlung: Tear-away (bei hoher Stichzahl ggf. zusätzlich Cut-away).
- Hat der Stoff Flor? (Fleece, Samt)
- Empfehlung: Wasserlösliches Topper (Solvy), damit Stiche nicht einsinken.
Für konstante Ergebnisse in der Produktion ist das Einspannen für Stickmaschine entscheidend: Stoff „trommelfest“, aber nicht überdehnt.
Dichte einstellen für sauberes Color Blending
Schritt 9 — Verlauf aktivieren und Unterlage bei Overlays entfernen
Das ist der kritischste Punkt. Mit Standardwerten hättest du 3 Fülllagen plus 3 Unterlagen – zu viel.
Für das Gelb-Overlay:
- Unterlage: Keine / deaktiviert (entscheidend!).
- Gradient-Effekt: An.
- Profil: Linear Increasing (Start dicht, Ende offen).
- Abstandsbereich: 0,40 mm bis 3,80 mm.
- Praxis-Notiz: 0,40 mm ist klassische Deckung, 3,80 mm ist sehr offen – daraus entsteht der Fade.
Für das Rot-Overlay:
- Unterlage: Keine / deaktiviert.
- Gradient-Effekt: An.
- Profil: Linear Decreasing (Start offen, Ende dicht).
- Abstandsbereich: 0,40 mm bis 3,80 mm.
Checkpoint: In der 3D-Ansicht „federn“ Gelb und Rot sauber ins Orange. Erwartetes Ergebnis: Der Verlauf entsteht durch optische Farbmischung – nicht durch „Fadenklumpen“.


Schritt 10 — Sequenzieren: Kante und Strahlen zuletzt sticken
Öffne die Sequence View (Objektliste). Drag & Drop kostet nichts – ein ruiniertes Shirt schon.
- Zuerst: Orange Basis.
- Dann: Verlauf-Overlays (Gelb/Rot).
- Zuletzt: Steil-Kante und Strahlen.
Checkpoint: In der Sequenz sticken die Verläufe zuerst, Kante/Strahlen zuletzt.
Erwartetes Ergebnis: Die Kante „fängt“ die offenen Verlauf-Enden (Traveling Area) und erzeugt eine klare, professionelle Außenkontur.

Setup-Checkliste (vor dem Export)
Digitaler Pre-Flight, bevor du die Datei ausgibst:
- Maße: Breite 3,25" / 82,5 mm.
- Kante: Breite 1,5 mm, Inset 0.
- Overlays: KEINE UNTERLAGE (wirklich doppelt prüfen!).
- Gradient Range: 0,40–3,80 mm.
- Winkel: Füllwinkel vertikal (90°).
- Sequenz: Innen zuerst, Kanten zuletzt.
Workflow-Tipp (Produktion): Wenn du das Motiv 50× stickst, merkst du es an den Handgelenken. Viele Betriebe steigen an diesem Punkt auf eine Magnetische Einspannstation um, um die Ausrichtung konstant zu halten – ohne jedes Mal Schraubrahmen „auf Kraft“ zu schließen.
Ergebnis: Teststick und Qualitätscheck
Exportieren und Probestick
Speichere zuerst als Arbeitsdatei (.EMB, .JDX) und exportiere danach ins Maschinenformat (.DST, .PES).
Sensorik-Check während des Stickens:
- Hören: Gleichmäßiges „Surren“ ist gut. Hartes „Schlagen“ kann auf falsche Spannung/zu lockeres Material hindeuten.
- Sehen: Deckt die Kante die Verlauf-Enden? Wenn „Spikes“ rausstehen, ist die Kante zu schmal oder der Stoff hat sich bewegt.

Ablauf-Checkliste (für den physischen Probestick)
- Teststück: Immer zuerst auf ähnlichem Restmaterial sticken.
- Einspannen: Gleiches Vlies und gleichen Rahmen wie später in der Produktion.
- Sichtprüfung: Fertigen Test auf Armlänge betrachten: Wirkt der Verlauf weich? Sind die Kanten klar?
Wenn du Probleme mit Rahmenabdrücken (glänzende Ringe auf empfindlichen Polos) hast, sind Standardrahmen oft der Auslöser. Ein Magnetrahmen erzeugt Druck ohne Reibung – das reduziert diese Spuren in der Praxis deutlich.
Troubleshooting (Symptom → Ursache → Fix)
1) Symptom: Ausgefranste/gezackte Kanten am Verlauf
- Wahrscheinliche Ursache: Offene Stichabstände am Ende der Verlaufobjekte machen die Kante unruhig.
- Schnelltest/Fix: Prüfe, ob die Steil-Kante wirklich ALS LETZTES stickt.
- Vorbeugung: Bei voluminösem Material (z. B. Fleece) die Steil-Breite von 1,5 mm auf 2,0 mm erhöhen.
2) Symptom: Verlauf wirkt „matschig“ oder zu dick (Nadelbrüche)
- Wahrscheinliche Ursache: „Kugelsichere“ Dichte – Unterlage ist bei den Overlays aktiv.
- Schnelltest/Fix: Zurück zu Schritt 9: Unterlage bei Gelb und Rot deaktivieren.
- Vorbeugung: Nicht einfach mehrere Fülllagen stapeln, ohne Dichte/Unterlage bewusst zu steuern.
3) Symptom: Strahlen wirken rund oder lösen sich optisch vom Zentrum
- Wahrscheinliche Ursache: Zu wenig Zugausgleich.
- Schnelltest/Fix: Zugausgleich auf 0,25 mm oder 0,30 mm erhöhen.
- Vorbeugung: Unterfadenbereich sauber halten; Flusen können das Stichbild zusätzlich „zusammenziehen“.
4) Symptom: Am Bildschirm perfekt, auf Stoff „lückig“
- Wahrscheinliche Ursache: Instabiles Einspannen – Stoff wandert unter der Nadel.
- Schnelltest/Fix: Schwereres Cut-away und Sprühzeitkleber.
- Vorbeugung: Einspanntechnik verbessern: Der Stoff darf sich nicht bewegen.
Warnung: Magnet-Sicherheit. Magnetrahmen arbeiten mit starken Neodym-Magneten. Abstand zu Herzschrittmachern halten und Finger schützen (Quetschgefahr). Wenn du Magnetrahmen vergleichst, achte auf sichere Greif-/Lösehilfen („Safety Tabs“) bzw. ergonomische Entriegelungen.
Praktischer „Upgrade-Pfad“ für Shops
Wenn du Verläufe für kommerzielle Kunden digitalisierst, zählt Zeit.
- Auslöser: Die Digitalisierung sitzt (nach diesem Guide), aber Ergebnisse schwanken oder das Einspannen dauert pro Shirt mehrere Minuten.
- Engpass: Dann ist es oft kein Software-, sondern ein Hardware-/Workflow-Thema.
- Upgrade-Logik:
- Level 1 (Einzelplatz): Magnetrahmen gegen Rahmenabdrücke und zur Entlastung der Hände.
- Level 2 (Produktion): Eine Station sorgt dafür, dass Linke-Brust-Logos jedes Mal gleich positioniert werden.
Wenn du Tools wie eine hoopmaster Einspannstation bewertest, beurteile nicht nur Geschwindigkeit, sondern vor allem Wiederholgenauigkeit: Kann auch ein neuer Mitarbeiter das gleiche Ergebnis liefern?
Ergebnis-Zusammenfassung (Deliverables)
Du hast jetzt ein produktionsnahes Rezept für kleine Verläufe:
- Skalierung: Fix auf 3,25" per Referenzlinie.
- Kante: Steil (1,5 mm) als „Traveling Area“/Aufräumkante.
- Basis: Orange Vollfläche (90°).
- Blend: Gelb/Rot als Overlays, ohne Unterlage, Verlauf-Dichte 0,40–3,80 mm.
- Sequenz: Füllungen zuerst $\to$ Kante zuletzt.
Wenn du diese Parameter einhältst, bekommst du einen Verlauf, der optisch fast wie Druck wirkt – aber sich wie hochwertige Maschinenstickerei anfühlt.
