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Polygon-Untersetzer meistern: Profi-Workflow zum Digitalisieren in Embird & saubere Produktion
Ein Polygon-Untersetzer wirkt harmlos. Für Außenstehende ist es „nur eine Form“. Für Digitalisierer ist er jedoch ein ideales Trainingsfeld für drei Grundpfeiler der Maschinenstickerei: Knoten-/Punktgenauigkeit, saubere Stichführung (Pathing) und Kantenabdeckung.
In der Praxis scheitern viele vermeintlich „einfache“ Untersetzer-Dateien nicht an der Optik am Bildschirm, sondern an der Realität im Stickrahmen: Faden hat Volumen, Material arbeitet unter Spannung, und jede kleine Ungenauigkeit summiert sich über mehrere Lagen.
In dieser Anleitung digitalisieren wir den Untersetzer in Embird Studio von Grund auf. Du lernst, wie du eine Vorlage importierst, mit Backward Paths Sprungstiche reduzierst und über Farbwechsel sichere Stopps für Applikationsschritte programmierst. Der Fokus liegt dabei nicht nur auf „welches Tool klicken“, sondern auf einem Workflow, der beim späteren Sticken reproduzierbar funktioniert.

Kurzüberblick: Was du hier wirklich lernst
Wir „zeichnen“ nicht einfach Linien. Mit diesem Ablauf trainierst du drei produktionsnahe Gewohnheiten:
- Rahmen-Disziplin: Stickfeld festlegen, bevor du den ersten Punkt setzt.
- „Skelett“-Prinzip: Erst eine saubere Grundkontur erstellen, an der sich alle weiteren Objekte exakt ausrichten.
- Maschinenkontrolle: Farbwechsel gezielt nutzen, damit die Maschine für manuelle Schritte (Stoff auflegen, schneiden) zuverlässig anhält.

Vorbereitung: Material, Zubehör & Pre-Flight-Checks
Bevor du in der Software loslegst, lohnt sich ein kurzer Realitätscheck. Ein ITH-Untersetzer ist ein Material-„Sandwich“, das unter Nadelbewegung stabil bleiben muss.
Das „unsichtbare“ Kit, das in der Praxis den Unterschied macht:
- Applikationsschere (Entenschnabel): Zum Zurückschneiden dicht an der Naht, ohne Stiche zu verletzen.
- Temporäre Fixierung: Leichter Sprühkleber oder Klebestift – Pins können die Spannung im Stickrahmen verfälschen.
- Frische Nadel (75/11 oder 90/14):
- Praxis-Check: Wenn die Nadel „hakt“/rau wirkt oder Faden auffällig reißt, tauschen. Eine beschädigte Nadelspitze fördert Fadenrisse und unsaubere Satinkanten.
- Unterfaden-Check:
- Schnellprüfung: Spulenkapsel frei von Flusen, Unterfadenspule gleichmäßig und fest gewickelt (nicht „schwammig“).
Hinweis zum Stickrahmen-Setup: Viele arbeiten mit den mitgelieferten Kunststoffrahmen. Bei Projekten mit mehreren Stopps (Applikation/ITH) kann die Haltekraft nachlassen oder es entstehen Rahmenabdrücke. Wenn du mit Standard-Stickrahmen für janome arbeitest, prüfe die Schraube: fest genug für gleichmäßige Spannung, aber nicht „überdreht“.
Prep-Checkliste (Go/No-Go):
- Rahmenabgleich: Stickrahmen-Größe in Embird Editor entspricht dem physischen Stickrahmen.
- Dateiformat: Du kennst das Maschinenformat (z. B. .JEF für Janome, .PES für Brother).
- Material bereit: Stickvlies, Stoffreste, Oberfaden liegen bereit.
- Nadelstatus: Passende, frische Nadel eingesetzt.
- Freigängigkeit: Keine losen Fäden/Teile, die den Rahmenarm behindern könnten.
Effiziente Kontur mit Backward Paths erstellen
In der Produktion gilt: Laufzeit ist Geld – und Sprünge sind Verschwendung. Der gezeigte Ansatz sorgt dafür, dass die Maschine möglichst „durchläuft“.

Schritt 1 — Software-Realität mit der Rahmen-Realität synchronisieren
- Embird öffnen (startet in Editor).
- Auf das Stickrahmen-Symbol klicken und den Zielrahmen auswählen.
- Das Studio Plugin öffnen (hier findet das Digitalisieren statt).
- Wichtig: In Studio erneut auf das Stickrahmen-Symbol klicken und Apply wählen.
Warum das zählt: Wenn dein digitales Stickfeld nicht zum realen Stickrahmen passt, drohen Fehlermeldungen („Design exceeds limit“) oder im schlimmsten Fall Kollisionen im Rahmenbereich.
Schritt 2 — Vorlage („Blueprint“) importieren
- Image > Import.
- Polygon-/Hexagon-Bild auswählen.
- Yes wählen, um das Bild auf den Rahmen zu skalieren.
- Zum Verkleinern der Ansicht: Zoom-Symbol rechtsklicken.
Checkpoint: Die Vorlage muss nicht hochauflösend sein – aber die Ecken müssen klar erkennbar sein, damit du sauber punktgenau arbeiten kannst.

Schritt 3 — Grundkontur sauber nachzeichnen (Snap to Nodes)
- Create Outline Object wählen.
- „Snap to Nodes“ aktivieren und „Straight Line“ aktivieren.
- Die Eckpunkte des Polygons anklicken.
- Punkte bei Bedarf so setzen, dass sie exakt auf den Knoten liegen (das ist die Basis für alles Weitere).
Praxis-Hinweis: In diesem Projekt „vererben“ sich Ungenauigkeiten. Wenn die erste Kontur danebenliegt, werden spätere Applikations- und Randobjekte zwar „schön“ aussehen – aber nicht deckungsgleich sticken.

Schritt 4 — „Backward Path“ statt Sprungstich
Statt abzuschneiden und zurückzuspringen, lässt du die Maschine die Strecke zurücknähen.
- Eine gerade Linie nach unten digitalisieren.
- Rechtsklick Finish Object.
- Objekt markiert lassen: Transform > Create Backward Path.
- Im Inspector auf das Symbol mit Pfeil nach oben achten (Backward Path).
Vorteil im Ablauf: Du bekommst eine saubere Doppelnaht ohne Sprungfäden – und die Maschine bleibt im Fluss.

Schritt 5 — Kontrolle über den „digitalen Zwilling“ (Simulator)
- Kontur-Objekte markieren.
- Rechtsklick > Generate Stitches.
- Sim-Tab öffnen.
- Den Ablauf ansehen (ggf. Geschwindigkeit anpassen).
Soll-Zustand: Die Nadel läuft die Strecke runter und direkt wieder hoch auf derselben Linie – ohne gestrichelte Sprunglinie.
Maschinenstopps für Applikationsschritte programmieren
Eine typische Praxisfrage: „Wie bringe ich die Maschine zum Anhalten?“ In Embird ist der zuverlässigste Weg: Farbwechsel. Viele Maschinen interpretieren einen neuen Farbblock als Stopp/Wechselaufforderung.
Schritt 6 — Innengeometrie für Stopps nachzeichnen
- Create Outline Object wählen.
- Das erste innere Hexagon nachzeichnen (an vorhandene Knoten „snappen“).
- Objekt beenden.
- Entscheidend: Diesem Objekt im Inspector eine andere Farbe zuweisen als dem vorherigen Block.
Praxis-Stolperstein: Bei ITH/Applikation ist das wiederholte Handling (Stoff auflegen, schneiden) der Moment, in dem Spannung verloren gehen kann. Saubere Stopps helfen, den Ablauf kontrolliert zu halten.
Workflow-Upgrade (wenn du Serien planst): Für wiederholte Stopps/Weitersticken können Magnetrahmen für Stickmaschine den Ablauf deutlich entspannen, weil die Fixierung über Magnetkraft erfolgt und nicht über „Schraube nachziehen“. Das Ziel ist gleichmäßige Spannung über alle Stopp-Phasen.


Schritt 7 — „Pause“-Protokoll im Simulator
- Stiche generieren.
- Im Simulator prüfen: „Pause on color change“ muss aktiv sein.
- Simulation laufen lassen und kontrollieren, ob zwischen den Hexagons jeweils pausiert wird.

Sicherheitswarnung: Beim Stopp für Applikationsschritte Hände aus dem Bereich von Nadelstange und Rahmenführung halten. Beim Fortsetzen bewegen viele Maschinen den Rahmenarm sofort.
Entscheidungslogik: Passendes Stickvlies wählen
Das Material-„Sandwich“ entscheidet über Formstabilität.
1. Stoffart bestimmen:
- Gewebe (z. B. Quilt-Baumwolle)?
- JA: Mittleres Ausreißvlies ist oft ausreichend und lässt sich sauber entfernen.
- Instabil (z. B. Strick/Felt/Samt)?
- JA: Schneidvlies (Mesh oder fest) stabilisiert dauerhaft, damit die Kanten nicht „wegziehen“.
2. Dichte/Belastung durch den Rand einschätzen:
- Ist der Rand breiter als 5 mm?
- JA: Vlies ggf. doppeln oder verstärken. Breite Satinstiche ziehen Material zusammen – der Untersetzer kann sich sonst „schüsseln“.
Zierstiche und Satinkante hinzufügen
Jetzt kommt die Optik – ohne die Passung zu verlieren.
Schritt 8 — Zierstiche ohne unnötige Unterbrechungen
- Zierlinien digitalisieren.
- Farbregel: Alle Zierlinien auf DIESELBE Farbe setzen, damit die Maschine sie in einem Block durchsticken kann.
- Parameter: Needles 2 wählen und Breite = 4.5 mm setzen.


Schritt 9 — Satinstich-Rand (die „Rahmenkante“)
- Außenkontur nachzeichnen.
- Parameters öffnen.
- Satin Stitch wählen.
- Breite = 5.5 mm.
- Underlay: Auto Select Underlay aktiviert lassen.
Praxis-Nutzen: Underlay stabilisiert die Satinsäule und verbessert die Kantenoptik – besonders bei dichter Abschlusskante.
Hinweis zur Einspannung: Wenn nach dem finalen Rand deutliche Rahmenabdrücke sichtbar sind, ist das oft ein Zeichen für zu hohe Kompression im Stickrahmen. Eine Einspannstation für Maschinenstickerei kann beim reproduzierbaren Zentrieren helfen, ohne „mit Gewalt“ zu spannen.

Simulation & Export: Generalprobe vor der Maschine
Schritt 10 — Gesamtsimulation
Einmal komplett durchlaufen lassen und gezielt prüfen:
- Stopp-Check: Pausiert die Datei dort, wo du Stoff auflegen/trimmen willst?
- Abdeckung: Deckt der Satinstich-Rand die Stoffkanten zuverlässig ab?

Schritt 11 — Die Zwei-Dateien-Strategie
- .EOF: Als „Master“ speichern (editierbar, Knoten/Parameter später anpassbar).
- Maschinenformat (z. B. .JEF): Für die Maschine exportieren (praktisch „gebacken“).

Magnet-Sicherheitswarnung: Magnetrahmen arbeiten mit starken Neodym-Magneten. Quetschgefahr beim Zusammenschnappen. Von Herzschrittmachern, Kreditkarten und empfindlichen Datenträgern fernhalten.
Ablauf-Checkliste: Physischer Stickprozess (ITH)
- Platzierung: Erste Kontur auf Stickvlies sticken.
- Auflegen: Stoffrest mit temporärer Fixierung auflegen.
- Fixieren: Applikations-/Stopp-Lage sticken.
- Trimmen: Rahmen entnehmen (oder je nach System handhaben) und Stoff knapp zurückschneiden.
- Dekor: Zierstiche sticken.
- Finish: Satinstich-Rand sticken.
- Cleanup: Ausspannen, Vlies entfernen, Fäden schneiden.
Ergebnis & Troubleshooting
Wenn du Knoten sauber setzt, Backward Paths gezielt nutzt und Stopps über Farbwechsel steuerst, wechselst du von „mal sehen, ob’s klappt“ zu einem kontrollierbaren, wiederholbaren Ablauf. Ein gut digitalisierter Untersetzer liegt flach, hat klare Ecken und eine Kante, die die Stofflagen wirklich abdeckt.
Wenn du von 1 Stück auf 50 Stück gehst, verschiebt sich der Engpass oft vom Digitalisieren zur Einspannung. Genau hier können Magnetrahmen (gleichmäßige Spannung, schnelleres Handling) und eine Einspannstation für Stickmaschinen (reproduzierbare Positionierung) Zeit und Ausschuss sparen.
Troubleshooting-Matrix
| Symptom | Likely Cause | Quick Fix (Low Cost) | Prevention (Pro) |
|---|---|---|---|
| Gaps between border & fabric | "Pull Comp" (Fabric shrinking) | Use a wider satin stitch (+0.5mm). | Stabilize properly (Cutaway) or use a magnetic hoop for even tension. |
| Machine didn't stop | Colors are identical | N/A | Ensure Appliqué layer is a different color code than the outline. |
| Needle breaks on border | Too dense / Deflection | Change to a Size 90/14 Needle. | Lower density in software (increase spacing to 0.45mm). |
| Hoop pops open | Thick seams/layers | Loosen screw slightly. | Upgrade to a Magnetrahmen which self-adjusts to thickness. |
| Thread nesting underneath | Loose top tension | Re-thread the machine (Presser foot UP!). | Check bobbin path for lint; ensure thread is seated in tension discs. |
