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Ausgangsbild fürs Digitalisieren vorbereiten: Das Fundament für reproduzierbare Produktion
Viele Digitalisier-Probleme entstehen nicht in Wilcom – sie entstehen in dem Moment, in dem Kund:innen Artwork per WhatsApp oder E-Mail schicken. In der Maschinenstickerei bist du nicht „nur“ Grafiker:in, sondern übersetzt Pixel in Fadenspannung, Stoffverzug und Maschinenbewegung.
In diesem Leitfaden lernst du einen vollständigen, wiederholbaren Workflow, um ein Mandala-Motiv (JPEG/PNG) so aufzubereiten, dass Wilcom E4.2 es zuverlässig importiert, du es exakt auf das Kundenmaß skalierst und anschließend effizient digitalisierst. Entscheidend ist dabei die Brücke zwischen „sieht am Bildschirm perfekt aus“ und „läuft sauber auf der Maschine“ – inklusive der praktischen Realität von Einspannen und Stabilisierung.
Ziel ist nicht „irgendwie Stiche am Screen“. Ziel ist eine Datei, die du mit gutem Gefühl in die Produktion geben kannst – besonders, wenn am Ende ein kommerzieller Ablauf wie bei Tajima steht.

Was du hier lernst (und warum es in der Praxis zählt)
- Datei-Hygiene: WhatsApp-Bilder, die in Wilcom E4.2 nicht sauber importieren, durch erneutes Exportieren in Photoshop „bereinigen“.
- Präzision: Artwork exakt skalieren mit Transform by Reference Line.
- Struktur: Sauberes Zentrum aufbauen (Ellipse + Simple Offsets).
- Kontrolle: Komplexe Geometrie als Run Stitch nachzeichnen – mit klarer Logik für Ecken vs. Kurven.
- Effizienz: Symmetrie beschleunigen durch Gruppieren (Ctrl+G) und Mirror Copy.
- Automatisierung: Kreisförmige Wiederholungen mit dem Wreath-Tool.
- Workflow: Export als editierbare Datei (.EMB) und als Maschinenformat (Tajima .DST) – plus PDF-Arbeitsblatt und Preview.
Praxis-Tipp: Kunden-Artwork wie „Rohmaterial“ behandeln
Auch wenn ein Motiv am Handy gut aussieht: Messenger verändern Dateien (Kompression/Metadaten/Encoding) – und genau das kann Embroidery-Software aus dem Tritt bringen. Ein kurzer „Photoshop-Pass“ ist dein QC-Checkpoint, bevor du Zeit ins Digitalisieren investierst. So vermeidest du Importfehler, Abstürze oder das berühmte „graue/blanke Kästchen“ beim Import.
Motiv in Wilcom importieren und korrekt skalieren
Im Video startet es mit einem typischen Job: Ein Kunde schickt zwei Designs per WhatsApp – ein Panel-Layout und ein rundes Mandala. Das runde Motiv soll auf 7.5 inches Durchmesser skaliert werden.

Schritt 1 — Bild herunterladen und in Photoshop neu exportieren (Datei „sanitizen“)
- Bild aus WhatsApp (Desktop) auf den Rechner downloaden.
- Adobe Photoshop öffnen (oder einen anderen stabilen Bildeditor).
- Das heruntergeladene Bild öffnen.
- Über Export As als Standard-JPG exportieren.
- In einem eigenen Projektordner speichern (saubere Benennung).
Warum das nötig ist: Im Video wird gezeigt, dass bestimmte WhatsApp-PNG-Varianten in Wilcom E4.2 nicht zuverlässig öffnen/importieren. Ein Neu-Export als „normales“ JPG schafft eine saubere Datei, die Wilcom stabil verarbeitet.
Warnung: Wenn du mehrere Kundenfiles parallel hast (Panel vs. Round), prüfe Dateinamen und Auftragstext doppelt. Ein falsches Motiv im falschen Rahmen ist nicht nur Ausschuss – es kann auch zu Kollisionen führen, wenn Größen/Einspannung nicht zusammenpassen.
Schritt 2 — Grafik in Wilcom E4.2 importieren
- In Wilcom E4.2 Import Graphic wählen.
- Zum „bereinigten“ JPG navigieren und Open.
Schritt 3 — Einheiten prüfen (Kontext-Check)
Im Video wird explizit darauf hingewiesen: Wenn der Kunde in inches bestellt, stell Wilcom auf US (Inches).
- Aktion: Einheitensystem in Wilcom prüfen/umstellen.
- Regel: Wenn „7.5 inches“ gefordert sind, nicht nebenbei im Kopf umrechnen – stelle die Software korrekt ein.
- Risiko: Einheitenfehler sind ein Klassiker bei Skalierungs-Desastern.
Schritt 4 — Exakt skalieren mit Transform by Reference Line
Das ist die „präzise“ Methode. Nicht per Ziehen an Ecken schätzen.
- Transform by Reference Line auswählen.
- Auf den absolut oberen Punkt des Motivs klicken (Referenzpunkt A).
- Auf den absolut unteren Punkt klicken (Referenzpunkt B).
- Im Dialog 7.5 eingeben.
- Bestätigen – Wilcom skaliert proportional.

Checkpoints
- Visuell: Eine Referenz-/Maßlinie liegt über dem Motiv.
- Plausibilität: Wirkt das Motiv extrem winzig oder riesig, ist oft die Einheit falsch (z. B. inches vs. mm) oder die Referenzpunkte wurden nicht sauber gesetzt.
Ellipse- und Offset-Tools für saubere Konturen/Bordüren
Mandala-Designs wirken komplex, basieren aber häufig auf einer klaren „Skelett“-Geometrie. Simple Offsets helfen, Abstände reproduzierbar und gleichmäßig aufzubauen.

Schritt 5 — Zentrums-Ellipse anlegen
- Ellipse Tool wählen.
- Ellipse im visuellen Zentrum platzieren (klicken/ziehen).
- Mit Enter bestätigen.
Schritt 6 — Konzentrische Ringe mit Simple Offsets erzeugen
- Ellipse auswählen.
- Simple Offsets öffnen.
- Plus (Positive) Offset aktivieren (nach außen).
- Count auf 3 setzen.
- Bestätigen.
- Erwartetes Ergebnis: Drei saubere, konzentrische Ringe.
Expertenhinweis: Warum Offsets statt „frei Hand“
Offsets sind mathematisch gleichmäßig. Das ist in der Stickerei Gold wert, weil Stoff und Faden unter Spannung arbeiten. Gleichmäßige Abstände sind eine stabile Basis, bevor du später Details ergänzt.
Manuelles Nachzeichnen: Run Stitch sauber und maschinenfreundlich setzen
Der Kern des Tutorials ist das manuelle Nachzeichnen als Run Stitch. Hier entscheidet sich, ob das Motiv später ruhig läuft oder „hakelig“ wirkt.

Schritt 7 — Run-Stitch-Eigenschaften setzen (Grundrezept)
Vor dem Nachzeichnen die Parameter einstellen:
- Run Stitch Length: 2.50 (wie im Video gezeigt).
- Variable Run Length: Unchecked (aus).
Schritt 8 — Form mit Run Stitch nachzeichnen (Ecken vs. Kurven)
- Run Stitch wählen.
- Form nachzeichnen mit dieser Eingabelogik:
- Left-Click: harte Ecke / „Corner“-Punkt.
- Right-Click: Kurve / weicher Punkt.
- Mit Enter Stiche erzeugen.
Praxisanker: „Klick-Logik“ bewusst nutzen
Zu viele harte Punkte in runden Bereichen machen die Bewegung unruhig und die Kontur wirkt kantig. Saubere Kurvenpunkte sorgen für einen ruhigeren Lauf.
Schritt 9 — Mit Reshape nacharbeiten
- Reshape aktivieren.
- Knotenpunkte so verschieben, dass die Linie sauber auf dem Artwork liegt.
- Knotenpunkte nur dort setzen, wo sie wirklich nötig sind – weniger ist oft stabiler.

Schritt 10 — Innenkonturen mit negativen Offsets erstellen
Für Innenbordüren ohne erneutes Nachzeichnen:
- Objekt auswählen.
- Simple Offsets öffnen.
- Minus (negativ/nach innen) wählen.
- Wert: 0.091 inches.
- Bestätigen.

Expertenhinweis: Design-Logik vs. Fadenrisse
Warum lohnt sich der Fokus auf saubere Kurven?
- Mechanik: Harte, zackige Richtungswechsel bedeuten ruckartige Bewegung.
- Folge: Mehr Unruhe im Fadenlauf – das erhöht das Risiko von Aufscheuern/Abreißen.
- Praxislösung: Glatte Pfade = ruhiger Lauf = weniger Störungen.
Damit dein Digitalisieren auch zu realen Stickrahmen für Stickmaschine-Bedingungen passt, denk beim Setzen der Pfade immer an den Nadelweg: Je „nervöser“ der Weg, desto eher kann sich Material im Rahmen minimal bewegen.
Workflow beschleunigen: Spiegeln und Wreath-Tool
Effizienz ist Marge. Was symmetrisch ist, wird nicht zweimal digitalisiert.
Schritt 11 — Vor dem Spiegeln gruppieren (Ctrl+G)
- Fertigen linken Quadranten auswählen.
- Ctrl+G drücken.
- Warum: Wilcom behandelt die Elemente dann als zusammenhängenden Block.
Schritt 12 — Mirror Copy Horizontal
- Gruppiertes Objekt auswählen.
- Mirror Copy Horizontal klicken.
- Zur Mitte ausrichten.

Checkpoint
- Visuell: Deckt sich die Spiegelung sauber?
- Wichtig: Im Video wird das Ausrichten zur Mitte gezeigt. Arbeite hier mit Zoom, damit die Symmetrie nicht „wandert“.
Schritt 13 — Duplicate (Ctrl+D)
Für Kopien ohne Spiegelung Ctrl+D nutzen.
Schritt 14 — Wreath-Tool für kreisförmige Arrays
- Florales Element auswählen.
- Wreath-Tool öffnen.
- Number of Objects auf 5 setzen.
- Exakt auf den Mittelpunkt des Mandalas klicken.


Checkpoint
- Geometrie: Sind die Abstände zwischen den 5 Elementen gleich?
- Wenn nicht: Rückgängig (Ctrl+Z) und den Mittelpunkt präziser treffen – im Zweifel stark reinzoomen.
Produktions-Notiz: Einspannen ist oft der Engpass
Du hast jetzt ein sauberes Mandala digitalisiert – und jetzt kommt die Realität: Mandalas verzeihen keine schiefe Ausrichtung. Schon kleine Abweichungen wirken sofort „krumm“.
- Trigger: Serienlauf (z. B. mehrere Shirts) – das exakte Einspannen kostet Zeit.
- Kriterium: Wenn du mehr Zeit fürs Einspannen brauchst als fürs Sticken oder wenn du wegen Rahmenabdrücken Ware aussortierst.
- Option: Upgrade auf Magnetrahmen für Stickmaschine.
Warnung: Magnet-Sicherheit. Magnetrahmen arbeiten mit sehr starken Magneten.
* Quetschgefahr: Finger aus der Schließzone halten.
* Medizin: Abstand zu Herzschrittmachern.
* Elektronik: Karten/Telefone nicht direkt auf die Magnetflächen legen.
Export nach Tajima DST und Approval/Produktionsunterlagen erstellen

Schritt 15 — Master-Datei speichern (EMB)
- File > Save As.
- Format: Wilcom EMB.
Regel: EMB ist deine editierbare Quelle. Aufbewahren – das ist dein „Original“ für spätere Änderungen.
Schritt 16 — Maschinen-Datei exportieren (DST)
- File > Export Machine File.
- Format: Tajima DST.
- Speichern.


Schritt 17 — Dokumentation erstellen (PDF)
- File > Print Preview > Approval Sheet.
- Color Film aktivieren (zeigt die Farb-/Sequenzreihenfolge).
- Als PDF speichern.
Warum: Für Produktion und Freigabe ist die Farbfolge/Sequenz entscheidend – und genau dafür ist das PDF die verlässliche Referenz.

Schritt 18 — Virtual Decoration
- Capture Virtual Decoration Bitmap.
- Das resultierende PNG in hoher Qualität zur Kundenfreigabe senden.

Vorbereitung: Die physische Basis
Die Software ist fertig – jetzt zählt die Praxis. Wer Vorbereitung ignoriert, plant Ausschuss.
Versteckte Verbrauchsmaterialien & Checks
Vor dem ersten Stich:
- Maschine: Greifer-/Spulenbereich reinigen (Flusen verändern die Spannung).
- Unterfaden: Spule ausreichend gefüllt.
- Dokumente: PDF/Approval Sheet griffbereit (Farbfolge/Sequenz).
Wenn du eine tajima Stickmaschine nutzt, stelle den passenden Rahmen/Frame im Controller ein, bevor du das Design startest – das reduziert das Risiko von Rahmenkollisionen.
Stabilisierung: Praxislogik
Gute Stabilisierung rettet gutes Digitalisieren.
- Dehnbar (T-Shirt, Polo, Strick)?
- Entscheidung: Cutaway-Vlies.
- Warum: Dehnung braucht dauerhafte Unterstützung.
- Stabil (Denim, Canvas, Twill)?
- Entscheidung: Tearaway ist möglich.
- Flauschig (Frottee, Fleece)?
- Entscheidung: Cutaway unten + wasserlösliches Topping oben.
Bei dicken/voluminösen Materialien kann das Schließen eines Standardrahmens schwierig werden. Genau hier spielt ein Magnetrahmen seine Stärke aus, weil er Materialstärken leichter „mitnimmt“.
Prep-Checkliste
- Spule/Unterfaden geprüft.
- Stickvlies passend zum Material gewählt.
- Approval Sheet/PDF für Farbfolge vorhanden.
Setup: Maschinenkonfiguration
Einspannen: „Trommelfell“-Standard
Beim Einspannen (oder beim Aufsetzen des Magnetrahmens) der Tast-Check:
- Mit den Fingern über die Fläche streichen.
- Leicht antippen.
- OK: straff, aber nicht überdehnt.
- Nicht OK: Wellen/Spiel – neu einspannen.
Rahmenwahl & Größenlogik
Wenn du unsicher bist, welche tajima Stickrahmen Größen zum Kleidungsstück passen: erst das Kleidungsstück ausmessen (z. B. Brustbreite/Platzierung), dann Rahmen wählen. Für gebogene Artikel wie Caps ist ein Kappenrahmen für tajima der saubere Weg, um Passgenauigkeit zu halten.
Setup-Checkliste
- Design in die Maschine geladen.
- Trace/Umrisslauf geprüft (keine Rahmenkollision).
- Einspannung geprüft (Trommelfell-Test).
Betrieb: Probestick und Lauf
Schritt-für-Schritt Ablauf
- Einsetzen: Rahmen einsetzen, überschüssigen Stoff sichern (nichts unter den Rahmen klemmen).
- Ausrichten: Startpunkt/Mitte setzen.
- Fadenweg prüfen: Läuft der Oberfaden frei?
- Start: Erste Stiche beobachten.
Warnung: Sicherheit: Nie in den Stickbereich greifen, solange die Maschine läuft. Bei Fadenriss vollständig stoppen, dann neu einfädeln.
Betriebs-Checkliste
- Unterseite geprüft (kein Stoff eingeklemmt).
- Farbfolge mit PDF abgeglichen.
- Erste Stiche auf Schlingenbildung unten kontrolliert.
Qualitätskontrolle
Nicht einfach ausliefern – prüfen.
- Symmetrie: Mandala wirkt nur dann „rund“, wenn Einspannung und Lauf stabil waren.
- Konturen: Sind Kurven sauber oder „eckig“? (Dann im File Knoten/Run-Pfad glätten.)
Engpass-Logik fürs Wachstum
Wenn du nach dem Job merkst, dass Einspannen oder Positionieren der Flaschenhals ist (oder du wegen Rahmenabdrücken Ausschuss hast), lohnt sich ein Blick auf deine Prozesskette:
- Einspann-Konsistenz: Eine Einspannstation für Stickmaschine hilft, Platzierungen reproduzierbar zu machen.
- Rahmenwahl: Standardrahmen sind oft langsamer – Magnetrahmen sind schneller.
Troubleshooting: Quick-Fix-Tabelle
| Symptom | Likely Cause (Low Cost) | Likely Cause (High Cost) | Solution |
|---|---|---|---|
| Image won't import | File format/Header corruption | Software bug | Re-export as clean JPG in Photoshop. |
| "Bird Nesting" (Tangling under plate) | Top thread tension too loose or miss-threaded | Burred Hook Assembly | Rethread completely with presser foot UP. Check bobbin orientation. |
| Thread snaps constantly | Old thread / Sticky needle | Burrs on needle plate | Change needle (75/11). Slow machine down to 600 SPM. |
| Design is oval, not round | Stabilizer Failure | Stretching during hooping | Use Cutaway stabilizer. Don't stretch fabric in the hoop; let it rest naturally. |
| White bobbin thread showing on top | Bobbin tension too loose | Top thread too tight | Tighten bobbin screw (1/8th turn). Loosen top tension. |
| Hoop Burn (Shiny ring) | Hoop screwed too tight | Friction | Steam (don't iron) the fibers. Upgrade to Magnetic Hoops. |
Ergebnis
Wenn du diesen Ablauf konsequent einhältst – Bilddatei bereinigen, exakt skalieren, strukturiert aufbauen, sauber nachzeichnen, Symmetrie/Wreath effizient nutzen und anschließend korrekt exportieren – bekommst du:
- Reproduzierbarkeit: Eine Datei, die auch später noch gleich läuft.
- Sicherheit: Weniger Risiko für Kollisionen/Fehlstarts.
- Qualität: Ein Mandala, das wirklich rund wirkt und sauber stickt.
Die Maschine macht nur, was du ihr vorgibst – über die Datei (Wilcom) und über das Setup (Einspannen/Vlies). Beherrschst du beides, beherrschst du den Prozess.
