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Warum automatisiertes Cutwork?
Automatisiertes Cutwork ist der „Force Multiplier“ in der Maschinenstickerei: Es macht aus einer nervigen, fehleranfälligen Handarbeit – Maschine anhalten, Stickrahmen anfassen, mit gebogener Schere schneiden und hoffen, dass weder Stoff noch Vlies erwischt werden – einen präzisen, wiederholbaren Maschinenprozess. Mit den speziellen Meißelnadeln (Chisel Needles) aus dem Brother PR Cutwork Kit schneidet die Maschine die Öffnung für dich und wechselt danach nahtlos zurück zu den Abschlussstichen.
Das Ergebnis ist eine saubere, „werkstatt-/serienfertige“ Optik, die per Hand nur schwer konstant zu erreichen ist.
In diesem Workflow digitalisieren wir nicht „von Null“. Wir arbeiten wie Prozessingenieur:innen: Wir nehmen ein bestehendes Stickdesign (z. B. das Herzmotiv aus dem Ausgangsmaterial) und rüsten es in Brother PE-Design Next so nach, dass der Schnitt automatisiert im Rahmen erfolgt. Der Schlüssel ist die Technik der stabilisierten Schnittkante – also eine Verstärkung vor dem Schneiden, damit die Öffnung nicht auszieht oder an Ecken ausfranst.

Manuell schneiden vs. maschinell schneiden
Warum überhaupt automatisieren? Manuelles Schneiden (klassische „Lace“-Arbeitsweise) scheitert in der Praxis oft am „Human Variance Factor“. Typische Fehler zeigen sich in drei sehr greifbaren Symptomen:
- „Weißer Spalt“: Zu weit innen geschnitten – Rohstofffasern blitzen unter der Satinkante hervor.
- „Fadenriss/Strukturschaden“: Zu weit außen geschnitten – Unterlage/Trägerstiche oder Vlies werden angeschnitten.
- „Verzug“: Beim Anfassen/Schneiden wird Druck auf den eingespannten Stoff ausgeübt. Danach sitzt die Spannung anders – die Satinkante landet sichtbar versetzt (z. B. 2 mm daneben).
Automatisiertes Cutwork eliminiert das Handling: Der Stoff bleibt im Stickrahmen unter gleichbleibender Spannung, während die Maschine „operiert“. Wichtig: Dafür muss die Datei logisch korrekt aufgebaut sein – genau das erstellen wir unten.
Vorteile stabilisierter Schnittkanten
Die „beste Methode“ im Video hängt an einer konkreten Einstellung im Cutwork Wizard: „Stabilize Cut Edge = Yes“.
Praktisch bedeutet das: Die Maschine näht zuerst eine Verstärkungslinie (je nach Wizard als Laufstich/Mehrfachlauf) entlang der späteren Schnittkontur, bevor die Meißelnadeln schneiden. Diese Naht hält die Gewebestruktur zusammen. Ohne diese Stabilisierung kann die wiederholte „Schlag“-Belastung der Meißelnadel empfindliche Stoffe schneller ausreißen oder ausfransen – die Öffnung wird unsauber.
Realitätscheck für Produktion: Wenn du verkaufst oder reproduzierbar liefern musst, sind stabilisierte Schnittkanten Pflicht. Sie entscheiden oft darüber, ob ein Teil die Wäsche übersteht oder nach dem ersten Waschgang ausfranst.
Kompatibilität mit Brother PR Maschinen
Dieser Workflow ist für die Brother PR-Serie (Mehrnadelstickmaschine) in Kombination mit dem offiziellen Cutwork Kit gedacht. Wenn du auf einer Plattform wie der brother pr arbeitest, ist der größte Gewinn Wiederholgenauigkeit: Ist die Datei einmal sauber aufgebaut, laufen auch 50 Teile mit identischen Öffnungen.
Warnung: Mechanische Sicherheit
Cutwork arbeitet mit Meißelnadeln (scharfe Klingen). Das sind keine normalen Sticknadeln.
* Nie in den Nadelbereich greifen, solange die Maschine aktiv ist.
* Den automatischen Nadeleinfädler nicht mit Meißelnadeln verwenden (Gefahr von Schäden am Einfädler).
* Geschwindigkeit: Cutwork-Schritte langsamer fahren (branchenübliche Empfehlung: 400–600 SPM), um Hitze/Belastung zu reduzieren und saubere Schnitte zu unterstützen.
Design in PE-Design Next vorbereiten
Der häufigste Anfängerfehler: sofort den Wizard starten. Stopp. Der Erfolg steht und fällt damit, wie sauber du die Schnittzone definierst. Die Software braucht einen „digitalen Zaun“, um zu wissen, wo geschnitten werden soll.
Kernprinzip: Stark hineinzoomen, die Ziellinie identifizieren und mit dem Line/Region Tool eine geschlossene Form nachzeichnen.

Schnittbereich identifizieren
Im Video wird so weit gezoomt, bis die schwarze Linie im Inneren des Herzens klar erkennbar ist. Das ist deine „Ziellinie“.
Praxis-Hinweis für Digitalisierer:innen: Es geht nicht um pixelgenaues Nachfahren der Grafik, sondern um eine mechanische Schnittbahn, die später unter der Satinkolonne liegt. Die Schnittkontur muss so positioniert sein, dass die spätere Satinkante die Schnittkante sicher überdeckt. Wenn die Satinkolonne z. B. 4 mm breit ist, liegt die Schnittkontur typischerweise mittig (ca. 2 mm) oder leicht nach innen versetzt.
Nachzeichnen mit dem Line/Region Tool
Wähle in der Werkzeugleiste das Line/Region Tool und dort die Option Simple Closed Straight Line (meist das erste Symbol).

Klicke dich Punkt für Punkt um die Form. Setze die Knoten (Ankerpunkte) möglichst entlang der inneren Linie. Wenn du am Ende angekommen bist, schließt du die Form und bestätigst – im Video wird dafür Enter gedrückt, wodurch die Linie in ein Objekt/Stichobjekt umgewandelt wird.


Warum „nah genug“ oft richtig ist – und wann nicht
Im Video heißt es sinngemäß: Es muss nicht 100% perfekt sein. Das stimmt – innerhalb einer Sicherheitszone:
- Sicherheitszone: Deine nachgezeichnete Linie liegt klar innerhalb der Fläche, die später von der Satinkante abgedeckt wird.
- Gefahrenzone: Die Linie wandert außerhalb der Satinkante.
Schneller Sicht-Check: Stell dir die Satinkante als „Abdeckung“ vor. Wenn die Schnittlinie irgendwo „herausschaut“, siehst du später Rohkante. Deshalb gilt: lieber die Öffnung minimal kleiner anlegen als zu groß. Eine Satinkante kann Stoff etwas „einziehen“, aber sie kann kein zu großes Loch verdecken.
Geschlossene Formen erstellen
Wechsle zurück zum Select-Werkzeug (Pfeil). Jetzt sollte der Cutwork Wizard verfügbar/anklickbar sein – ein Hinweis darauf, dass PE-Design deine Kontur als gültige, geschlossene Form erkannt hat.
Prep-Checkliste: „Mise-en-place“
Bevor du den Wizard öffnest, kurz die Basis prüfen. Eine perfekte Datei hilft wenig, wenn die Ausführung später stockt.
- Backup:
Ctrl+Sund idealerweiseSave As(Originaldatei behalten!). - Verbrauchsmaterial: Markierstift (wasserlöslich) für Mittelpunkte; ggf. temporärer Sprühkleber, wenn du „floating“ arbeitest.
- Meißelnadel-Check: Klingen unter Vergrößerung prüfen. Grate/Abnutzung führen dazu, dass der Stoff eher „gekaut“ als geschnitten wird.
- Unterfaden: Unterfadenspule ausreichend gefüllt. Ein Unterfadenabriss mitten im Cutwork-Ablauf ist schwer sauber zu retten.
- Reinigung: Greifer-/Spulbereich sauber halten. Cutwork erzeugt deutlich mehr Flusen/Faserabrieb als normales Sticken – das kann Spannungsprobleme begünstigen.
Cutwork Wizard konfigurieren
Wähle deine neue „digitale Zaun“-Kontur aus und öffne den Cutwork Wizard. Er erzeugt daraus die nötigen Cutwork-Befehle.

Stabilisierte Kanten einstellen
Kritischer Schritt: Setze „Stabilize Cut Edge: Yes“.
Damit wird zuerst eine Verstärkungslinie gestickt.
- Praxisanker: Im Ablauf sieht das wie eine klare Umriss-/Sicherungsnaht aus – das „Gerüst“, bevor geschnitten wird.

Schnittlinie aktivieren
Setze „Cutting Line: Cutting“. Damit wird aus der Kontur ein echter Cutwork-Schritt, den die Maschine als „mit Meißelnadeln schneiden“ interpretiert.
Unnötige Füllungen deaktivieren
Setze „Net Fill: No“ und „Covering Satin Stitch: No“.

Warum? Das Ausgangsdesign hat die dekorative Satinkante bereits. Wenn du hier zusätzlich Satin erzeugst, wird die Kante schnell zu dicht/steif – das erhöht das Risiko von Fadenproblemen und unnötiger Penetration direkt an der Schnittkante. Der Wizard soll die Struktur (Stabilisieren + Schneiden) liefern, das Originaldesign die Optik.
Klicke OK. Danach erscheinen zwei neue Schritte am Ende der Stickreihenfolge.

Expert Note: Die „Dichte-Falle“
Gerade bei Cutwork ist „mehr“ nicht automatisch „besser“. Zu viele Einstiche nahe der Schnittkante wirken wie eine Perforation und können das Ausreißen erleichtern. Die im Video gezeigten schlanken Wizard-Einstellungen sind hier bewusst sinnvoll.
Für Erfolg umsortieren
Das ist der entscheidende Schritt. PE-Design hängt neue Objekte standardmäßig ans Ende. Wenn du am Ende schneidest, schneidest du im schlimmsten Fall durch bereits gestickte Satinstiche. Deshalb müssen die Cutwork-Schritte nach vorne.

Cutwork-Schritte an den Anfang ziehen
Im Bereich Sewing Order:
- Den neu erzeugten Schritt 4 (Stabilisieren) anklicken und auf Position #1 ziehen.
- Den neu erzeugten Schritt 5 (Schneiden) anklicken und auf Position #2 ziehen.
Logik dahinter:
- Sichern: Kante stabilisieren.
- Schneiden: Öffnung erzeugen.
- Dekorieren: Originaldesign näht die Satinkante über die Rohkante und „versiegelt“ sie.
Rahmenspuren vermeiden
Das Video zeigt die Software-Seite, nicht das physische Einspannen – in der Praxis passieren aber viele Cutwork-Probleme genau dort. Bei Standardrahmen wird Stoff oft „trommelfest“ gezogen. Beim Cutwork kann zu viel Zug dazu führen, dass der Stoff nach dem Schnitt zurückfedert und die Öffnung verzogen wirkt.
Ansätze aus der Praxis:
- Level 1 (Technik): „Floating“ mit Klebevlies/Adhäsiv, um empfindliche Materialien nicht direkt hart einzuspannen.
- Level 2 (Werkzeug): Einsatz eines Magnetrahmen für brother.
- Warum? Ein Magnetrahmen für brother klemmt den Stoff gleichmäßig flach, statt ihn punktuell zu überdehnen. Das reduziert „Stretch & Rebound“ und hilft, geometrische Cutwork-Formen sauber zu halten.
Warnung: Magnetfeld-Sicherheit
Magnetrahmen sind starke Werkzeuge mit Neodym-Magneten.
* Quetschgefahr: Finger beim Schließen des Oberteils fernhalten.
* Elektronik/Medizin: Abstand zu empfindlichen Geräten (z. B. Herzschrittmacher) einhalten.
Stickreihenfolge verstehen
Produktionsregel für alles, was „Material verändert“ (Applikation, Puff, Cutwork): Struktur zuerst, Optik zuletzt.
Wenn du aus Versehen erst die Satinkante stickst und dann schneidest:
- Die Meißelnadel trifft auf dichte Satinstiche.
- Wie beim Sägen durch ein Seil: Fäden fransen, reißen, die Kante wird unsauber.
Setup-Checkliste (maschinenseitig)
Bevor du startest:
- Reihenfolge: Sind die ersten Schritte Stabilisieren/Schnitt (entsprechende Symbole) und nicht Deko?
- Kontur-Lage: Liegt die Schnittkontur sicher innerhalb der Satinkante?
- Nadelbestückung: Sind die Cutwork-Nadelpositionen korrekt mit den benötigten Meißelwinkeln bestückt (0°, 90°, 45°, 135°)?
- Freigang: Stickarm/Anbauteile haben genug Platz – Cutwork kann größere Bewegungen haben.
Entscheidungslogik: Stoff → Vlies-Strategie
Ein Vlies passt nicht für alles. Nutze diese Logik als Startpunkt:
| Wenn der Stoff ist ... | Dein Risiko ist ... | Lösung |
|---|---|---|
| Stabiles Gewebe (Baumwolle, Canvas, Denim) | moderates Ausfransen | festes Tearaway oder Standard Cutaway – ergibt klare Schnitte. |
| Elastisch/Strick (T-Shirts, Polo) | Verzug/Ovalisierung | No-Show Mesh (Cutaway) + ggf. fixierende Einlage, um Dehnung zu „beruhigen“. |
| Sehr empfindlich (z. B. feine Ware) | Einreißen/Wegrutschen | starkes wasserlösliches Vlies für saubere Kanten ohne Rückstände. |
| Hoher Flor (Frottee, Fleece) | Stiche versinken | wasserlösliches Topper + festes Cutaway, damit Flor nicht in die Satinkante wandert. |
Datei bereinigen
Deine Cutwork-Schritte stehen jetzt vorne – aber die Datei enthält ggf. noch die „Geisterlinie“/alte Platzierungslinie. Die sollte raus, damit nichts doppelt läuft.

In Blöcke umwandeln
Wähle das gesamte Design und nutze Convert to Blocks.
- Einstellung: Sensitivity auf „Normal“ lassen.

Damit wird das Design in editierbare Komponenten zerlegt, sodass du gezielt die überflüssige Linie entfernen kannst.
Redundante Linien löschen
Mit Select Object die ursprüngliche „Placement Line“ (deine Orientierungslinie) anklicken und Delete drücken.


Sicht-Check: Ist die dünne Linie weg, aber die Satinkante noch da?
- Ja: weiter.
- Nein, Satinkante weg: Stopp,
Ctrl+Z(Undo) – falsches Objekt erwischt.
Endergebnis simulieren
Verlass dich nicht auf eine Datei, bevor du sie im Stitch Simulator gesehen hast.


Simulator öffnen und den Regler durchlaufen lassen. Worauf achten:
- Platzierungslinie (Laufstich): zeigt die Position.
- Stabilisierungsnaht: verstärkt die Kante.
- Schnitt: Wechsel/Stop für Cutwork.
- Finish: Satinkante deckt die Rohkante vollständig ab.
Checkliste (Stitch Simulator)
- Passt die Reihenfolge zur Logik oben?
- Gibt es „Jump Stitches“ (lange Geraden) über der Öffnung? Wenn ja: Ein-/Ausstiche prüfen – sonst kann die Meißelnadel diese Fäden später mit erwischen.
- Wirkt die Satindichte passend? (Als grober Richtwert wird oft ~0,4 mm Stichabstand genutzt.)
Effizienz-Hinweis: Skalieren für Gewinn
Wenn du diesen Umbau regelmäßig machst, lohnt sich der Blick auf Engpässe.
- Einspannen: Wenn Einspannen länger dauert als die Stickzeit, ist eine Rahmenstation/Einspannhilfe ein sinnvoller nächster Schritt.
- Durchsatz: Wenn dich Nadelwechsel/Cutwork-Setup ausbremsen, kann eine Mehrnadelmaschine wie die brother pr1055x helfen, weil Cutwork-Nadeln und mehrere Garnfarben gleichzeitig bestückt bleiben können.
Ergebnis
Mit diesem „Whitepaper“-Workflow gehst du weg von „hoffentlich klappt’s“ hin zu „ich weiß, dass es läuft“.
Kurzformel:
- Nachzeichnen: Schnittkontur innerhalb der Satin-Sicherheitszone.
- Wizard: Stabilize = Yes, Füllungen/Satin im Wizard = No.
- Umsortieren: erst stabilisieren/schneiden, dann dekorativ sticken.
- Hardware/Material: scharfe Meißelnadeln und passende Stabilisierung.
Wenn die Datei sauber ist, das Ergebnis aber trotzdem wellig oder versetzt wirkt, liegt es fast immer an Bewegung im Stickrahmen. Spätestens dann lohnt sich ein Upgrade der Spanntechnik: Magnetrahmen für Stickmaschine liefern die Haltekraft, die beim Schneiden nötig ist, damit aus einer digitalen Kontur eine saubere, reproduzierbare Cutwork-Öffnung wird.
